Zeitung Heute : Mit neuer Handschrift

Deutschland hat 16 Schulsysteme und tausende Lehrpläne. Was ein Schüler in Bayern lernt, das erfährt eine Schülerin in Berlin womöglich nie. Das soll sich jetzt ändern – durch nationale Bildungsstandards. Sie entrümpeln die Fächer und legen fest, was in Zukunft gelernt werden soll.

Uwe Schlicht

ANTWORT AUF PISA – WAS SOLLEN KINDER KÜNFTIG LERNEN?

Tom ist 50, korpulent und „enjoys fishing and driving round England“. Der Schüler Peter dagegen „has to write something for his history teacher about world explorers“. Welche Bücher würden die beiden mit auf eine Reise nehmen? Ein 16-jähriger Schüler, der fünf Reiselustigen wie Tom und Peter Bücher zuordnen kann, die mit kurzen Texten beschrieben sind, hat eine der lebensnahen Testaufgaben des neuen Bildungsstandards im Fach Englisch gelöst.

Zu Beginn des neuen Schuljahres werden die ersten Bildungsstandards in allen 16 Ländern der Bundesrepublik verbindlich, um die Vergleichbarkeit von Schulleistungen im föderalen System zu erhöhen. Das wird die Kultusministerkonferenz (KMK) am heutigen Donnerstag in Bonn verabschieden. Zunächst gelten die Standards in allen Schularten für den mittleren Schulbabschluss in den Fächern Deutsch, Mathematik und die erste Fremdsprache. Standards für den Hauptschulabschluss, die 4. Jahrgangsstufe der Grundschule und weitere Fächer für den Mittleren Schulabschluss sollen im Frühjahr 2004 folgen. Im Sommer 2004 sollen sie in die Praxis umgesetzt werden.

Was ist das Neue an den Standards, die eine Reaktion auf das schlechte Abschneiden Deutschlands bei internationalen Studien wie Pisa und Timms sind? Sie sollen ermitteln, was die Schüler über einen längeren Zeitraum an Wissen erworben haben und auch in der Praxis anwenden können. Die Fachleute nennen dies die Orientierung am Output. Die kopernikanische Wende in der deutschen Schulpolitik besteht darin, dass sich die Standards nur auf einen Kern des notwendigen Wissens beschränken und nicht jene Detailversessenheit mehr besitzen wie die unzähligen Lehrpläne. Bildungsstandards werden in Tests ermittelt und das auch nur an besonders wichtigen Schnittstellen in der Bildungslaufbahn der Kinder und Jugendlichen.

Die Kultusminister definieren ihre „Regelstandards” nicht als minimales, sondern als „ein mittleres, realistischerweise erreichbares Anforderungsniveau”. Die Standards sollen nur „erwartete Leistungen” beschreiben und sich auf einen Kernbereich eines Faches beschränken, um den Lehrern viel Gestaltungsspielraum zu geben. Aber eines soll den Standards gemein sein: „Sie zielen auf systematisches und vernetztes Lernen”. Mit Hilfe der Standards sollen die Lehrer in die Lage versetzt werden, frühzeitiger als bisher Defizite bei den Schülern zu erkennen. Und es hat Folgen für die Lehrerausbildung und Fortbildung: Die Studenten und Lehrer müssen mit den neuen Testverfahren vertraut gemacht werden.

Längerfristig werden die Standards auch die Schulpolitik in Deutschland verändern. Es wird nicht nur zu Vergleichsarbeiten zwischen den Schulen kommen, sondern auch zu Vergleichen über die Ländergrenzen hinweg. Es war ja gerade eine Erkenntnis der Pisa-Tests, dass die Schüler in guten Bundesländern den Gleichaltrigen in schlechten Ländern um mehr als ein Jahr voraus waren.

Natürlich gibt es auch Kritik an den neuen Bildungsstandards. Die KMK will, dass es unterschiedliche Standards für die einzelnen Schultypen gibt. Bildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) befürchtet aber, damit würden die negativen Seiten des dreigliedrigen Schulsystems zementiert. Sie wünscht sich Standards, die für eine ganze Altersgruppe gelten. Und was geschieht, wenn Schüler die Standards nicht erreichen? Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft kritisiert, die Kultusminister hätten noch nicht über Fördermaßnahmen nachgedacht.

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