Zeitung Heute : Mit Nickerchen zum Erfolg

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Ein Mythos „erklärt die Welt nicht auf wissenschaftlichem Weg, sondern durch deutende Erzählung“, meist handelt es sich dabei um eine Heldengeschichte, „die symbolische oder ins phantastische gehende Elemente enthält“. Gestärkt durch dieses Lexikon-Wissen kann sich der Karriere orientierte Arbeitnehmer entspannt mit den diversen Untersuchungen zum Thema „Erfolg im Beruf“ auseinander setzen. Zwar geht es bei denen auch um Helden – unsere Chefs – und einige phantastische Elemente sind nicht zu leugnen, aber alles natürlich streng wissenschaftlich!

So sieht es aus: Große Menschen sind erfolgreicher, schöne Menschen sowieso, Leute, die regelmäßig einen Mittagsschlaf machen auch, ebenso wie selbstbewusste, schlagfertige Zeitgenossen und natürlich auch solche, die erlesene Manieren ihr Eigen nennen. Kurz und gut: Wissenschaftlich gesehen sieht eine Top-Führungskraft aus wie Richard Gere, bloß 2,04 Meter groß, hat eine Couch neben dem Schreibtisch und um 13.15 Uhr immer das ’Bitte nicht stören’-Schild an der Bürotür. Wenn er wach ist, liest er den Knigge. Trotzdem hat er immer einen lockeren Spruch auf der Lippe.

Die angeblich sicheren Erkenntnisse der Wissenschaftler dürfen angezweifelt werden: Betrachten wir mal nur das Thema Körpergröße und Karriere. „Längere Leute sind angesehener“, so der Kieler Anthropologe Hans Jürgens. Sie haben mehr Erfolg im Berufsleben, das belegt eine Untersuchung bei Polizistinnen und Schwesternschülerinnen: Etwa zehn Jahre nach ihrem Berufseinstieg hatten die Längeren bei gleicher Intelligenz und Ausbildung deutlich mehr Karriere gemacht. Das ist spannend, wenn man bedenkt, dass die Deutschen in den vergangenen Dekaden etwa alle zehn Jahre einen Zentimeter größer geworden sind. Besonders stark wachsen derzeit die Ostasiaten, sagen die Forscher. Bei ihnen werden vor allem die Beine länger.

Daraus könnte man jetzt – streng wissenschaftlich natürlich – die These ableiten, dass ganze Volkswirtschaften brummen, wenn ihre Bevölkerung länger wird. Das deutsche Wirtschaftswunder ist also quasi in Zentimetern zu messen. Und erst die Entwicklung der so genannten Tiger-Staaten in Südostasien: Auf die Beinlänge kommt es an!

Tragisch ist nur, dass das Wachstum der Deutschen stille steht. Seit einigen Jahren bleiben wir so groß wie wir sind – und die lahmende Entwicklung des Bruttosozialprodukts spricht Bände. Was machen wir denn jetzt? Kinder auf die Streckbank packen? Weiteres Wachstum per Gesetz verordnen? Vernünftiger wäre die Einsicht, dass es empirische Erkenntnisse gibt, die irrelevant sind. Mythen der Wissenschaft eben, mit symbolischem Charakter.

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