Zeitung Heute : Mit Optimismus ins Internet

KURT SAGATZ

Der Umgang mit dem Internet ist für weite Bereiche der Wirtschaft noch immer Neuland.Sicherlich, die großen Firmen sind längst mit eigenen Präsenzen im World Wide Web vertreten und verfügen für Recherchezwecke und zum Empfangen von E-Mails über die entsprechenden Zugänge.Je kleiner jedoch die Firmen und je lokaler die Märkte werden, desto geringer ist das Wissen um die Möglichkeiten der neuen Medien.Für zehn Berliner Firmen wird sich dies alsbald ändern.Sie wurden per Los aus ingesamt 230 Unternehmen der Stadt ausgewählt, die an der ersten von ingesamt sechs Runden des Förderprogramms der Berliner Internet-Agentur "Im-Netz" teilgenommen und ihre Bewerbung eingereicht haben."Im-Netz" wird nun für diese Firmen einen kostenlosen Erstauftritt im Internet für ein Jahr realisieren und zugleich dafür sorgen, daß die neuen Homepages auch von den Internet-Nutzern gefunden werden.

Vor dem Gang ins Netz stand für die Gewinner der ersten Runde am letzten Donnerstag erst einmal der Gang ins Rathaus, genauer gesagt: ins Rote Rathaus.Dort wurden die Vertreter der Firmen in einem Seminar mit dem neuen Medium vertraut gemacht.Neben dem Aufbau des Netzes, den verschiedenen Techniken zur Übermittlung von Mails und Daten interessierte vor allem die Frage, welche Zielgruppen über das Netz erreicht werden können.Da sich im Netz weiterhin mehr Männer als Frauen tummeln und zudem noch die 25- bis 40jährigen Nutzer überwiegen, ist die genaue Kenntnis der Zielgruppe bei der Planung eines Netzauftrittes von entscheidender Bedeutung, wie auch "Im-Netz"-Geschäftsführer Walter Schönenbröcher in seinem Vortrag betonte.Doch über das Internet lassen sich noch ganz andere Dinge bewerkstelligen als reine Selbstdarstellung, sagte Wirtschaftsstaatssekretär Wolfgang Branoner.So könnten sich beispielsweise über das Online-Medium Bietergemeinschaften bilden, um Aufträge zu erhalten, die für die Unternehmen allein zu groß wären.Daß diese Möglichkeiten derzeit noch sehr eingeschränkt genutzt werden, räumte Branoner unumwunden ein.Von den rund 130 000 Berliner Unternehmen hätten zwar inzwischen 39 Prozent einen Zugang ins Netz, allerdings wären erst 14 Prozent mit einem eigenen Angebot im World Wide Web vertreten.

Mit heftigen Worten attacktierte Branoner indes die Bonner Pläne für eine Telekommunikations-Überwachungsverordnung sowie jüngste Urteile zum Internet-Recht.So weise die Entscheidung gegen den Ex-CompuServe-Manager Felix Somm "eindeutig in die falsche Richtung".Dies und neue bürokratische Hürden würden den Wettbewerb gerade im mittelständischen Bereich behindern, so Branoner.

Die zehn Berliner Internet-Neulinge haben vorerst noch andere Sorgen.So überlegt die Famako Anlagenexport GmbH, wie sie über das Internet ihre Geschäftskontakte in Richtung Osteuropa verbessern kann.Vor allem interessiert sich das Unternehmen auch für den Einsatz von Internet-Telefonie zu ihrem Kontaktmann in Moskau.Obwohl viele der rund 20 Firmenvertreter bislang nur wenig Kontakt mit dem Medium Internet hatten, wurde auch das Thema Sicherheit häufig angesprochen.Absolute Sicherheit gebe es auch hier nicht, auch wenn das Netz insgesamt nicht sicherer oder unsicherer sei als andere Kommunikationswege wie Telefon oder Fax, versicherte Schönenbröcher.Sicher ist jedoch nicht nur aus Sicht der Berliner Internet-Agentur, daß ein Unternehmen, das sich nicht jetzt langsam mit dem Internet vertraut macht, in wenigen Jahren erhebliche Probleme im Wettbewerb haben wird - und dies auch auf dem lokalen Markt.

Die Bewerbungsformulare für die nächste Runde des Förderprogramms (Eingang 31.Juli) können unter der Telefonnummer 451 10 00 angefordert werden.Mehrfachbewerbungen werden nicht zugelassen.Nähere Informationen zum Programm und den Teilnahmebedingungen finden sich auch auf der Website von www.im-netz.de .

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