Zeitung Heute : Mit Pauken und Sirenen

JÖRG KÖNIGSDORF

Das Berliner Sinfonie-Orchester unter Dimitri KitaienkoJÖRG KÖNIGSDORFKonzerte wie dieses frustrieren.Nicht etwa, weil sie richtig schlecht wären, dazu ist der technische Grundstandard der Musiker einfach zu hoch.Frustrierend ist vielmehr, daß mit diesem Material so wenig angefangen wird, die Erwartung einer guten Interpretation nirgends eingelöst wird.Was hätte das BSO zum Beispiel für eine unterhaltsame halbe Stunde bescheren können, wenn die Musiker in Haydns Paukenschlag-Sinfonie mehr Probenarbeit investiert hätten. So blieb das Stück in den engen Grenzen pauschaler Geläufigkeit verhaftet, das dicke BSO-Streicherdaunenkissen deckte die kleinlauten Holzbläser im Schauspielhaus weitgehend zu, von ausgefeilter Artikulation oder gar musikalischem Humor konnte kaum die Rede sein.Allzu sorglos gerieten auch Debussys "Nocturnes".Die feinen Klangschleier, die hier eigentlich gewebt werden sollten, krankten an etlichen Laufmaschen, schrummelig grober Streicherartikulation in den "Fetes", schwächlichen Holzbläsern in den "Nuages" (Flöte und Englischhorn!) und den überraschend leirigen Sirenenstimmen des Ernst-Senff-Chores.Ein deutlicher Abfall gegenüber der klugen Interpretation der "Images", die das Orchester noch im letzten Monat unter Michael Gielen geboten hatte.Den höchsten Näherungswert erzielte Dimitri Kitaienko am Pult vielleicht noch bei Ravels "Daphnis und Chloe"-Suiten.Hier konnte er auf die sichere Karte knalligen Fortissimo-Geschmetters setzen.Die delikaten Klangschichtungen des "Lever du jour" interessierten ihn leider weniger.In ereignisloser Banalität gesellte sich Stimme zu Stimme, weder mochte Kitaienko Ravels Farbenpracht genießerisch zelebrieren noch das Ohr für Strukturanalysen schärfen.

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