Zeitung Heute : Mit Regenbogen-Ohrring nach San Francisco

ANJA KÜHNE

Das andere Ufer ist lang und weit verzweigt.Besonders im Internet.An den zig Armen dieses riesigen Flußdeltas, das in allen Farben des Regenbogens leuchtet, können Homos ewig entlangirren.Dabei mag ein Wanderer bald auf alt Bekanntes treffen, das er aus dem wirklichen Leben kennt.Bald stößt er aber auch auf Fremdes und auf bizarre Spuren, die wunderliche Brüder und Schwestern aus der ganzen Welt am Wegesrand zurückgelassen haben.Was sollen Homosexuelle im Internet?

Zunächst einmal: viel einkaufen.Die geschäftstüchtigen Mitglieder der "Familie" haben sich in unzähligen Branchen selbständig gemacht.Damit können sie Schwule und Lesben gleichsam von der Wiege bis zur Bahre versorgen: In Regenbogen-Bettwäsche sollen Gert und Matthias oder Petra und Sabine aufwachen.Nach dem Duschen sollen sie sich mit Regenbogen-Handtüchern abtrocknen, um dann - geschmückt mit Regenbogen-Ketten und -Ohrringen - ihr Tagwerk am Computer zu beginnen, vor dem bereits ihr Regenbogen-Mousepad wartet.Nach Feierabend dann legen die beiden Paare Homo-Hits von Georgette Dee bis zu Flip ("Wir tanzen unterm Regenbogen") in den CD-Player.Dazu lesen sie Romane, die von homosexueller Liebe handeln.Oder sie schmieden Urlaubspläne: mit homosexuellen Reiseveranstaltern in homofreundliche Hotels zu den Hot-Spots des Homolebens nach San Francisco oder auf die Insel Lesbos.

Zu den Kaufhäusern, in denen solche Devotionalien, Literatur und Videos online bestellt werden können, gehört etwa die Galerie Jannssen in Berlin am Ludwigkirchplatz in Charlottenburg.Ein ähnliches Angebot hat der Frankfurter Buchladen Oscar Wilde .Darüber hinaus wartet in Wildes virtuellen Regalen eine ganze Riege männlicher Barbie-Figuren mit Namen wie "Sailor Billy" oder "Cowboy Billy" auf einen Puppen-Vater.Ein Bügelbrettbezug, den ein Kerl mit nacktem Oberkörper ziert, verspricht dem "Mann, der Männer liebt" mehr Spaß bei den häuslichen Pflichten.Die Online-Auswahl beider Läden an Kitsch für Frauen ist bescheiden.Farbenfrohes Spielzeug können sie sich besser im Spezialgeschäft bei " Inside her " in Frankfurt am Main aussuchen.

In den Urlaub mit einem homosexuellen Reiseveranstalter: Der muskulöse Torso eines jungen Mannes unter Palmen weist auf der Homepage von Our World Travel den Weg - obwohl das Unternehmen, das in neun deutschen Städten vertreten ist, auch auf weibliche Kundschaft hofft.Unter den "Gay City Links" dieser Seite finden Schwule und Lesben kleine Stadtführer für große Städte mit einer Auswahl von einschlägigen Treffpunkten .Homo-Reisen sind nur ein Teil im großen Angebot der Pride Company , eines Unternehmens, das sich auf seiner Homepage damit vorstellt "aus der Gay Community heraus entstanden" zu sein.Pride bietet Privatpersonen und Unternehmen (auch heterosexuellen Freunden der "Familie") eine ganze Reihe von Dienstleistungen an: Zu den Zweigen der Firma gehören bereits Pride Telecom, Pride Online, Pride Finance und sogar eine Modemarke Pride Collection.Ein Teil der Erlöse, so verspricht die Firma, geht an Projekte der Gay Community, zum Beispiel an die Deutsche Aids-Hilfe.

Auch die homosexuellen Medien werben für sich im Netz.Die Berliner " Siegessäule ", das größte schwul-lesbische Stadtmagazin Europas, kommt online genau wie auch auf Papier schön bunt und mainstreamend daher.Zusätzlich zu den Artikeln aus der letzten Ausgabe kann man online "Wichts Woche" lesen, einen Hohlspiegel der Homowelt zum Schmunzeln.In der "Galerie" präsentieren sich Leser mit Foto (bislang sind nur drei Männer zu sehen), abends trifft man sich im Chatroom der "Siegessäule".

Mit einer ganzen Reihe von Zeitschriften nur für homosexuelle Frauen sind " Konnys Lesbenseiten " verlinkt.Wer auch immer Konny ist: Ihre emsige Sammelleidenschaft in allen Sektoren lesbischen Lebens machen ihre Seiten, die regelmäßig aktualisiert werden, überhaupt zu einem guten Startpunkt durch das Netz.Wer nicht nur konsumieren, sondern sich informieren will, kann hier in einem großen Sammelbecken zu Themen wie etwa Lesben und Kirche, Politik, Sport und Gesundheit oder Wissenschaft fischen.Außerdem hat die fleißige Konny eine riesige Datenbank mit lesbischer Literatur zusammengestellt.

Konnys Leistung ist besonders verdienstvoll, weil eben auch das regenbogenfarbene Internet äußerst unübersichtlich ist.Eine Statistik über den Auswurf der großen bekannten Suchmaschinen zum Wortfeld Homosexualität findet man unter der Adresse www.geocities.com/WestHollywood/6480/index.htm .Allerdings ist die Suche mit Altavista und so weiter keine reine Freude: Man wird von Adressen überschwemmt, darunter auch viele, die heterosexuellen Männern mit Schmuddelphantasien gehören.Deshalb lohnt es, spezielle Homo-Suchmaschinen und Link-Seiten anzusteuern.Homos, Bi- oder Transsexuelle, die durch die weite Welt surfen wollen, können mit den http://pridelinks.com starten.Für Bodenständige beider Geschlechter empfiehlt sich www.myscout.com zu zig deutschen Anlaufstellen.

Überwiegend schwul und weniger gut sortiert ist www.gaylink.de .Nur für Frauen (auch für heterosexuelle) ist die Suchmaschine des Hamburger Projekts " Internetfrauen ", dem ersten Internetprovider für Frauen in Hamburg und Berlin.Eine andere Fundgrube, über die frau sich mit den Schwestern in Deutschland und in der Welt vernetzen kann ist die Seite des Vereins Woman mit Anbindung an E-Mail-Konferenzen.

All diese Suchmaschinen für Männer und Frauen dokumentieren natürlich auch das rege Vereinsleben der community von Flensburg bis nach Alt-Ötting.Unter den vielen, vielen Adressen ist auch die der Bundesarbeitsgemeinschaft Schwuler Juristen .Hier können Lesben und Schwule unter anderem aktuelle Gerichtsurteile zu allen erdenklichen Fragen gleichgeschlechtlichen Lebens nachlesen.

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