Zeitung Heute : Mit Salsa und Mambo gut in Form

Die Adlershofer Institute halten die Humboldt-Universität ganz vorne im Rennen um den Exzellenzstatus.

Paul Janositz
Nachhaltige Landnutzung ist das zentrale Thema von FutureLand. Foto: Matthias Heyde
Nachhaltige Landnutzung ist das zentrale Thema von FutureLand. Foto: Matthias Heyde

„In Bewegung“, dieses Motto stellt die Humboldt-Universität zu Berlin (HU) ihren Graduiertenschulen im Exzellenzwettbewerb voran. Es könnte für Adlershof nicht besser gewählt sein. Denn Bewegung ist zur Maxime geworden, seit der Berliner Senat vor etwa 20 Jahren beschlossen hat, das Gelände der ehemaligen Akademie der Wissenschaften der DDR als Technologie- und Wissenschaftspark auszubauen: Neubau von Gründerzentren, Ausbau ehemaliger Akademie-Institute und Zuzug von Forschern aus Ost und West, Umzug der naturwissenschaftlichen Institute der HU und Aufbau neuer Spezialdisziplinen. Und jetzt halten die Adlershofer Institute die HU gut im Rennen um den Exzellenzstatus. „Die naturwissenschaftlichen Disziplinen leisten einen starken Beitrag“, sagt Michael Linscheid, Professor für Angewandte Analytik und Umweltchemie an der HU.

In allen drei Bereichen des Exzellenzwettbewerbs hat die traditionsreichste Universität Berlins am 1. September 2011 Anträge bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem Wissenschaftsrat gestellt. Das Zukunftskonzept, das die langfristige Entwicklung der HU charakterisiert, trägt die Überschrift „Bildung durch Wissenschaft: Persönlichkeit – Offenheit – Orientierung“. Flankiert wird diese Strategie durch Förderanträge für vier Exzellenzcluster und zehn Graduiertenschulen. Einige sollen verlängert, andere neu gestartet werden. Zu Letzteren gehört die „School of Analytical Sciences Adlershof“ (Salsa). Die Bedeutung der Analytik könne man nicht hoch genug schätzen, meint Ulrich Panne, Abteilungsleiter an der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM) in Adlershof und Chemieprofessor an der HU. Der Analytiker ist designierter Salsa-Sprecher, eine Aufgabe, die er mit seiner BAM-Kollegin und Juniorprofessorin Janina Kneipp teilt. „Ob es um die Suche nach Schadstoffen geht, um die Erhebung von Klimadaten, um neue Materialien im Nanometerbereich oder die Untersuchung molekularer Prozesse im Körper, überall ist Analytik gefragt“, erklärt Panne.

Dementsprechend hat sich die Analytik nicht nur in der Chemie, sondern auch in Physik, Biologie oder Materialwissenschaften etabliert. Zu den Salsa-Aktivisten gehört auch Linscheid, der als Vizepräsident für Forschung von 2008 bis 2010 maßgeblich an der Ausarbeitung der Exzellenzinitiative der HU beteiligt war. Seitdem er das Amt an Peter Frensch, Professor für Allgemeine Psychologie, abgegeben hat, engagiert er sich mehr für die Graduiertenschule der Analytischen Wissenschaften, nicht nur weil ihm die bewegende Abkürzung so gefällt. „Salsa geht in den Kopf und in die Beine“, scherzt Linscheid.

Unter Federführung des Adlershofer Chemikers ist es bereits gelungen, die Mittel für ein analytisches Großgerät bei der DFG einzuwerben, obwohl die Entscheidung über den Salsa-Antrag erst Mitte Juni fallen soll. Es handelt sich um ein hoch empfindliches Massenspektrometer im Wert von mehr als einer halben Million Euro. Damit wird es etwa möglich sein, präzise Bilder von dünnen Gewebeschichten herzustellen, die Hinweise auf krankhafte Veränderungen geben können.

Das Salsa-Massenspektrometer wird in das „MamBo Lab“ (Mass Spectrometry Berlin open access Lab) des Adlershofer Chemie-Instituts integriert. Das entstehende Kompetenzzentrum dient der Ausbildung von Studierenden und Doktoranden sowie zu analytischer Forschung auf höchstem Niveau. Das ist nicht nur für Forscher aus HU und außeruniversitären Instituten, sondern auch für die Industrie interessant. Mehrere Unternehmen hätten schon Unterstützung zugesagt, sagt Linscheid. So könnten Ergebnisse aus der Forschung schnell in die Anwendung fließen.

Das ist auch dem Projekt zu wünschen, dem sich die Adlershofer Geographen und die Agarökonomen der Landwirtschaftlich-Gärtnerischen Fakultät federführend widmen. Es geht um die Graduiertenschule „FutureLand“, mit der die HU beim Exzellenzwettbewerb punkten will. Kooperationspartner sind Biologen und Philosophen sowie außeruniversitäre Forschungseinrichtungen wie das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). Die Klimaerwärmung beeinflusst die Landnutzung sehr stark, sagt Patrick Hostert, Professor für Geomatik und designierter Sprecher von FutureLand. Nachhaltige Landnutzung ist das zentrale Thema der Graduiertenschule. Es geht um Landwirtschaft ebenso wie um Waldnutzung, Landflucht oder die Entstehung von Megastädten. Bei der Ernährung der rasch wachsenden Weltbevölkerung setzt der Spezialist für Satellitenfernerkundung auf den technologischen Fortschritt etwa durch ressourcenschonende Art der Bewirtschaftung, wassersparende Bewässerung und verbesserte Tierzucht.

Laut Prognosen dürfte der Anteil der Weltbevölkerung, der in Städten leben wird, von derzeit über 50 Prozent bis 2050 auf 70 bis 80 Prozent steigen. Angesichts wuchernder Slums würden diese Megastädte meist als „Problemzonen der Erde“ bezeichnet, sagt Hostert. Doch könnte dort auch „ein Schlüssel zum Glück“ zu finden sein, da in Städten auch ein geringerer Pro-Kopf-Verbrauch an Ressourcen wie Wasser, Energie oder Wohnraum sowie kürzere Transportwege möglich wären als auf dem Land.

Um derartiges mit ressourcenschonenden Technologien realisieren zu können, bedarf es „einer neuen Generation von Wissenschaftlern, die fachliche Tiefe mit interdisziplinärem Denken kombinieren können“. In der Graduiertenschule sollen deshalb Geistes-, Gesellschafts- und Naturwissenschaftler eng zusammenarbeiten. Paul Janositz

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