Zeitung Heute : Mit scharfer Munition gefeuert

ZAGREB (sid).Die Menschen in Zagreb fühlten sich sieben Jahre zurückversetzt.Der "historische Sieg" im WM-Viertelfinale gegen Deutschland löste in der kroatischen Hauptstadt die größten Feiern seit der Unabhängigkeitserklärung 1991 aus.500 000 Fans machten in Zagreb die Nacht zum Tag, die anderen 500 000 Einwohner konnten nicht schlafen.Die siegestrunkenen Fans holten aus dem Bürgerkrieg übrig gebliebene Munition aus den Kellern und schossen sie als Salut in den nächtlichen Himmel.Hupende Autokorsi und singende Fans rundeten das bizarre Freudenkonzert ab.

Auf dem Platz Ban Jelacic im Zentrum der Hauptstadt hatten 30 000 Anhänger das Spiel auf einer Großbildleinwand verfolgt.Tausende andere bevölkerten Bars und Gaststätten in Zagreb und den anderen Städten des Landes.Nach jedem der drei Treffer wurde der Jubel größer, nach dem Schlußpfiff gab es kein Halten mehr.

Staatspräsident Franjo Tudjman, der das Spiel in Lyon miterlebte, sprach live im Fernsehen aus, was viele dachten: "Der Sieg bedeutet viel für unser Heimatland, für die kroatischen Menschen.Das steigert unser Selbstvertrauen und unsere Reputation in der ganzen Welt."

Für die heimischen Zeitungen und auch für den verletzten Stürmerstar Alen Boskic von Lazio Rom, der die Partie in Lyon auf Einladung von Tudjman auf der Ehrentribüne verfolgt hatte, war der Sieg auch eine Genugtuung gegenüber der internationalen Presse."Jetzt müssen auch die französischen Zeitungen Gutes über uns schreiben, die uns bisher nur mit Füßen getreten haben", sagte Boksic.

Trotz des Massenandrangs gab es in Zagreb nur wenige Zwischenfälle.Etwa 40 Fans wurden leicht verletzt, drei mußten im Krankenhaus bleiben.Die meisten Blessuren entstanden nach Stürzen nach übermäßigem Alkoholgenuß.19 Straßenbahnen und sieben Busse wurden beschädigt, bei zehn Geschäften und Cafés gingen Fensterscheiben zu Bruch.

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