Zeitung Heute : Mit schwäbischer Gründlichkeit

GUNTER BECKER

Das ist schwäbische Gründlichkeit: Da sind gerade mal 7,5 Prozent der bundesdeutschen Haushalte mit einem Internetzugang ausgerüstet, schon wird an der Stuttgarter Universität bereits emsig an der zweiten Internet-Generation gewerkelt.Unterstützung bekommen die Technobastler aus der unmittelbaren Nachbarschaft.Denn gleich nebenan, in Böblingen, sitzt die Hewlett-Packard Gmbh.Deutschlands drittgrößtes EDV-Unternehmen ist einer der Motoren der sogenannten Zukunftsinitiative "Next Generation Internet".Seit 1996 fördert der Konzern mit seiner "Internet Initiative" und seiner "Pan European Grants Initiative" besonders vielversprechende Netzideen europäischer Universitäten.Im Dezember konnte auch eine Forschungsabteilung der Universität Stuttgart in den Genuß der HP-Förderung kommen.

"Virtual Information Towers", virtuelle Litfaßsäulen, nennt das Institut für Parallele und Verteilte Höchstleistungsrechner (IPVR) seinen jetzt preisgekrönten Projektvorschlag.Die VITs sollen sowohl im Cyberspace als auch direkt vor Ort Informationen bereitstellen.Mit kleinen mobilen Geräten wie Laptops, Palm Pilot (elektronischer Filofax) mit Handheld-Computern und sogar per Funk sollen die modernen Litfaßsäulern abrufbar sein.

Lokal und doch im weltweiten Datennetz? Alexander Leonhardi, Projektverantwortlicher beim IPVR versucht den scheinbaren Widerspruch zu klären."Eine virtuelle Litfaßsäule ist vergleichbar mit einem WWW-Server, der aber für einen genau festgelegten geographischen Bereich zuständig ist", beschreibt er die Idee."Informationen mit geographischem Bezug können so, ausgehend von der aktuellen Position des Benutzers, wesentlich einfacher gefunden werden."

Eingesetzt werden die VITs möglicherweise in Stadtinformationssystemen, wo sie Bahnhöfe, Museen, oder Hotels repräsentieren.Reisende könnten dann auf jeder Station ihres Trips via Handy, Palm Pilot oder Notebook auf lokale Zugpläne, Veranstaltungsprogramme oder Zimmerreservierungen zurückgreifen.Leonhardi dazu: "Auf einem PDA könnte beispielsweise eine Karte der Umgebung des Benutzers angezeigt werden, auf der Markierungen für die Standorte der VITs eingetragen sind.Wenn ein Benutzer eine Virtuelle Litfaßsäule anwählt, wird ihm eine Inhaltsseite präsentiert.Mit einer Datenbrille können die VITs auch direkt in die Sicht eines Benutzers auf die reale Welt eingeblendet werden."

150 europäische Unis waren im vergangenen Jahr von dem Unternehmen Hewlett-Packard eingeladen worden, Projektvorschläge zum Thema "Next Generation Internet" einzureichen.Aus 70 angemeldeten Arbeiten wurden 25 Ideen ausgewählt.Die prämierten Entwürfe fürs Netz von Morgen kommen aus ganz Europa, aus Schweden, Italien, Irland, aber auch aus Rußland und Rumänien.Unterstützt wurden die Gewinner mit Hardware-Spenden.Den Schwaben hat der Konzern bei der Einrichtung eines "Mobile Computing Labor" geholfen.Dessen technische Ausstattung, Laptops, stationäre Computer, Handheld-Rechner, vor allem aber ein Empfangsgerät zur Positionierung von Objekten im Freien und ein Funknetz für den mobilen Datenaustausch innerhalb von Gebäuden, kommt von dem EDV-Hersteller.Nur ein Jahr haben die Stuttgarter Wissenschaftler zur Realisierung ihrer Pläne Zeit: Drittmittelforschung drängt eben zur Effizienz.

Doch Alexander Leonhardi kann bereits Erfolge ankündigen: "In Kürze soll ein einfacher Prototyp fertiggestellt werden.Der läuft allerdings komplett auf einem Notebook und wird noch nicht über ein drahtloses Medium, wie Funk, auf die VIT-Daten zugreifen können." Interessenten aus der Wirtschaft hätten sich bereits gemeldet, berichtet der Projektleiter.Gemeinsam habe man konkrete Anwendungen für die virtuellen Litfaßsäulen angedacht.Als Beispiele nennt er neben Stadtinformationssystemen auch Messesysteme.

Die Frage, ob sich der edle Spender, Hewlett-Packard, nicht selbst die Verwertungsrechte für das Projekt gesichert habe oder zumindest regelmäßige Reports über den Fortgang der Arbeiten erwarte, verneint Leonhardi: "Nach einem Jahr ist ein Abschlußbericht fällig.Es müssen keine Arbeitsberichte an Hewlett-Packard geliefert werden, und entsprechende Rechte wurden auch nicht abgetreten." Hochschulförderung inklusive Strukturhilfe fürs globale Datennetz sowie Standortpolitik - und das alles aus privaten Geld-Töpfen? Vielleicht ein Modell mit Zukunftscharakter.

Links zum Artikel

Hewlett-Packards Internet-Förderprogramm: www.donation.ebiz-hp.com

Die Virtuellen Litfaßsäulen und der IPVR: www.informatik.uni-stuttgart.de/ipvr

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