Zeitung Heute : Mit Sicherheit bedroht

In Afghanistan ist die Strategie der USA nicht aufgegangen. Das bringt dort auch die Bundeswehr in Gefahr

Ruth Ciesinger[Berlin],Christine Möllhof

Angesichts der Entscheidung des Bundestags über den Afghanistan- Einsatz der Bundeswehr gibt es neue Warnungen vor der dramatisch schlechten Sicherheitslage am Hindukusch. Wie groß sind die Gefahren für die deutschen Soldaten?


Diplomaten drücken sich in der Regel vorsichtig aus. Wenn also der deutsche Botschafter in Kabul, Hans-Ulrich Seidt, die Lage in Afghanistan am Mittwoch vor dem Auswärtigen Ausschuss des Bundestages als „so bedrohlich wie nie zuvor“ bezeichnet – und damit indirekt seinem Verteidigungsminister widerspricht – ist klar: Es brennt. Vor allem die Situation im Süden, wo seit Monaten internationale Truppen gegen die wiedererstarkten Taliban kämpfen, kann „militärisch nicht in den Griff bekommen werden“, so die Einschätzung Seidts.

Dementsprechend verschlechtert sich die Sicherheitslage auch für die knapp 3000 Bundeswehrsoldaten, die im Rahmen der von der Nato geführten Afghanistanschutztruppe Isaf neun Provinzen im Norden kontrollieren. Zwar ist dort die Situation nicht so schlimm wie im Süden – aber immer wieder werden Patrouillen beschossen oder Lager der Truppe angegriffen. Nach dem Ende des Fastenmonats Ramadan in wenigen Wochen könnten sich die Attacken auf die Bundeswehr noch verstärken – als Rache für die Gefechte im Süden. „Die Taliban haben die Kontrolle über den Süden wiedererlangt“, heißt es in der jüngsten Studie des sicherheitspolitischen Think Tanks „Senlis Council“. „Sie rücken rasch in Richtung Kabul vor.“ Nach Feldstudien in den südlichen Unruheprovinzen heißt es: Die verfehlte Strategie der USA und ihrer Verbündeten habe die Menschen in die Arme der Taliban getrieben.

Demnach wurden zwar seit 2002 in Afghanistan 82,5 Milliarden Dollar für Militäroperationen ausgegeben, aber nur 7,3 Milliarden Dollar für Wiederaufbau. Der Süden stehe vor einer humanitären Katastrophe. Flüchtlingscamps hätten sich gebildet, Kinder hungerten vor den Toren der Militärcamps. Die „aggressive Vernichtung“ von Schlafmohnfeldern habe viele Bauern ihrer einzigen Geldquelle beraubt und die Krise verschärft.“ Die Taliban aber, so Senlis, gingen „auf die Nöte der lokalen Bevölkerung ein“ und gewännen so deren Unterstützung.

Verbittert erlebten die Menschen, dass sie als Taliban verdächtigt würden. Immer wieder würden Zivilisten getötet. „Euer Blut ist Blut, unser Blut ist nur Wasser für euch“, zitiert Senlis einen früheren Mudschaheddin-Anführer aus Kandahar. Afghanistan brauche einen Strategiewechsel, und zwar bald, so die Schlussfolgerung. Botschafter Seidt spricht von einem bis eineinhalb Jahren, die der internationalen Gemeinschaft blieben, um die Situation in den Griff zu bekommen.

Die Afghanistan-Expertin Citha Maass rät ebenfalls, sich weniger aufs Militär als auf den Wiederaufbau zu konzentrieren. Anders als Senlis hält sie es aber nicht für notwendig, mehr Geld auszugeben, sondern wirbt für Investitionen in kleinteilige Projekte und entsprechende Kontrolle der Verwendung der Gelder. Im Südosten, der „noch nicht gekippt“ sei, sieht sie wegen früherer Zusammenarbeit in den 70er Jahren eine gute Chancen für deutsche Entwicklungshilfe. Zusammen mit Stammesältesten sollten dort Projekte wie Gesundheitsstationen oder Ausbildungsstätten beschlossen werden. Auch wenn das in den Hauptstädten im Westen nicht gerne gehört wird: Die Schulen für Mädchen zählen nicht immer zu jenen Hilfsprojekten, die am dringendsten gebraucht und am besten angenommen werden. Falls sich die Lage im Südosten entspanne,, wirke sich das vielleicht mäßigend auf den Süden aus, sagt Maass. Denn an sich sei die Bevölkerung mehr als „kriegsmüde“.

Das könnte auch den deutschen Soldaten helfen. Berlin hat etwaige Pläne zwar bisher zurückgewiesen, aber die Partner drängen auf einen Einsatz der Deutschen auch in anderen Landesteilen. Mit der Übernahme der Kontrolle in neun Provinzen und einem großen Hilfsprojekt im Südosten wäre der deutsche Beitrag zur Stabilisierung aber schon recht groß.

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