Zeitung Heute : Mit vielen Gesichtern

Der Entführungsfall Osthoff bleibt dubios – denn Beamte fanden Teile des Lösegelds bei ihr

Frank Jansen

Zum Zeitpunkt ihrer Freilassung hatte die deutsche Irakgeisel Susanne Osthoff offenbar eine größere Menge Geld bei sich. Gibt es dafür eine plausible Erklärung?


Die Sicherheitsbehörden sind gleich doppelt konsterniert. Schon nach der Freilassung von Susanne Osthoff am 18. Dezember kam der erste Schrecken, sagen Experten. Sie bestätigen damit, was das Magazin „Focus“ am Wochenende meldete: Bei der Archäologin wurden Teile des Lösegeldes gefunden, das die Bundesregierung an die Kidnapper gezahlt hatte. Osthoff war gerade freigekommen, duschte in der deutschen Botschaft in Bagdad, da fielen Mitarbeitern mehrere Bündel Dollars in ihrer Kleidung auf. Die Seriennummern der Scheine waren mit denen identisch, die sich in dem Packen für die Entführer befunden hatten. Die Höhe der bei Osthoff entdeckten Summe wird jedoch nicht genannt – es sollen allerdings mehrere tausend Dollar gewesen sein.

Der zweite Schrecken stellt sich jetzt ein, nach der Veröffentlichung dieser neuen, bizarren Wendung in dem Geiseldrama Osthoff: Der Bericht über den Fund von Lösegeld an sich signalisiere künftigen Entführern deutscher Staatsbürger, dass die Bundesregierung erpressbar sei – und zahle. „Ich war erschreckt“, beschreibt ein Fachmann seine Reaktion nach den ersten Meldungen vom Sonnabend. Schon eine Meldung der Nachrichtenagentur ddp Anfang Januar, die Geiselnehmer hätten für die Freilassung Osthoffs fünf Millionen Dollar in kleinen Scheinen überreicht bekommen, rief in den Sicherheitsbehörden Ärger hervor.

Und die Unruhe verstärkt noch der Verdacht, Osthoff könnte die Regierung auf abenteuerliche Weise hereingelegt haben – indem sie die Entführung durch die mysteriösen „Sturmtruppen der Erdbeben“ selbst inszenierte. Weil sie Geld für ihre Hilfsprojekte im Irak brauchte. Die deutsche Botschaft hatte 2005 eine weitere finanzielle Förderung abgelehnt. Um die Archäologin davon abzubringen, sich im Irak weiter den enormen und unkalkulierbaren Gefahren auszusetzen. Vergeblich.

Sicherheitsexperten warnen jedoch davor, die Frau zu verurteilen. Die von Osthoff nach dem Geldfund präsentierte Erklärung sei immer noch eine denkbare Version. Sie habe vor der Freilassung von den Kidnappern jenes Geld zurückverlangt, dass ihr zu Beginn der Entführung am 25. November abgenommen worden sei, sagte Osthoff den Beamten des Bundeskriminalamts in der Botschaft in Bagdad. Die Archäologin hatte einen größeren Geldbetrag mit sich geführt, der offenbar für die Sanierung einer Karawanserei in der Stadt Mossul vorgesehen war. Auf ihr Drängen hin hätten ihr die Geiselnehmer am letzten Tag der Entführung eine Summe ausgehändigt, die mit Scheinen aus dem Lösegeld „vermischt“ war, beteuerte Osthoff gegenüber den BKA-Männern. Und sie soll angedeutet haben, die Kidnapper wollten die Übergabe des Geldes auch als Entschädigung für die Strapazen der 23 Tage Geiselhaft verstanden wissen. Ein Sicherheitsexperte rätselt allerdings, „warum geben Entführer, die Geld wollen, dann welches zurück?“

Die Geschichte wird noch dubioser durch das Verschwinden des irakischen Fahrers von Osthoff. Khaled al Schimani brach mit der Archäologin am 25. November in Bagdad auf, Ziel der Fahrt war offenbar die nordirakische Stadt Erbil. Nach der Geiselnahme übergab ein Mann dem ARD-Büro in Bagdad ein Video, in dem zwischen drei Bewaffneten Osthoff und der knieende Schimani zu sehen sind – beide mit verbundenen Augen. Womöglich war Schimanis Auftritt eine Show. Nach der Freilassung Osthoffs erwarteten die deutschen Behörden, dass die Entführer auch den Fahrer laufen lassen würden – und dieser sich in der Botschaft meldet. Das tat er nicht. Bis heute sei unklar, wo Schimani steckt, heißt es in Sicherheitskreisen. Schon Ende Dezember meinte ein Fachmann, dass „die Sache stinkt“. Offenbar hatte Osthoff selbst gegenüber dem BKA den Verdacht geäußert, der Fahrer könnte ein Komplize der Entführer gewesen sein.

Oder war es so, dass Osthoff und Schimani mit ein paar Irakern die Geiselnahme vortäuschten? Dann wäre es sehr unvorsichtig gewesen, Teile des Lösegeldes in die deutsche Botschaft zu tragen, sinniert ein Experte. Und resigniert dann: Susanne Osthoff befinde sich in einer schwierigen psychischen Verfassung – da sei selbst die arglose Annahme von Geld durch Kidnapper möglich, die ihr Opfer auch noch kompromittieren wollten.

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