Zeitung Heute : Mit vielen Menüfunktionen gegen Politikmüdigkeit

CHRISTIAN BLEES

Das Referat Öffentlichkeitsarbeit des Deutschen Bundestages hat den Kampf gegen die Politikverdrossenheit offenbar noch nicht aufgegeben.So machen sich die Bonner seit einiger Zeit den allgemeinen Multimedia-Boom zunutze und versuchen, komplexe politische Themen mittels CD-ROM an den Mann und die Frau zu bringen - wie es scheint, mit Erfolg.Wurden von der Erstausgabe des "Bundestag-Magazin" (Themenschwerpunkt: "Informationsgesellschaft Deutschland") gerade einmal 3000 Exemplare auf CD-ROM gepreßt, ist die Zahl binnen Jahresfrist sprunghaft angestiegen: Liegen für die mittlerweile dritte Scheibe, die in diesen Tagen auf den Markt gekommen ist, bereits 15 000 Bestellungen vor.



"Das liegt aber nicht nur daran, daß wir die Scheibe kostenlos abgeben", weiß "Bundestag-Magazin"-Redakteurin Frauke Kaiser."Viele Leute melden sich nämlich bei uns, weil sie von der Informationsfülle angetan sind." Als Produzent fungiert die Münsteraner Firma "Babiel Neue Medien GmbH", die darüber hinaus mit der Gestaltung der Bundestags-Homepage im Internet betraut ist.In Zukunft soll das "Bundestag-Magazin" in zweimonatlichem Rhythmus erscheinen.Zudem sind Sonderausgaben vorgesehen: "Zur Zeit sitzen wir, im Hinblick auf die Bundestagswahl an einem Special für Jung- und Erstwähler."



Einen Blick zurück wagt hingegen die aktuelle Ausgabe des Magazins.Sie widmet sich, neben einer ausführlichen Darstellung zur Tätigkeit der Bundestags-Wehrbeauftragten, dem Schwerpunktthema "Steuern" und gewährt unter anderem einen Einblick in 5000 Jahre Steuergeschichte.Zudem präsentieren die Macher in Form von Videoclips die Standpunkte der einzelnen Fraktionen zum Steuerreform-Gesetzentwurf der Regierungskoalition.So erfährt man, daß bereits im November 1994 eine Steuerreform-Kommission ins Leben gerufen wurde.



Doch nicht nur die umfangreiche Chronologie des Diskussionsverlaufes liefert einen eindrucksvollen Beweis dafür, wie langsam die bürokratischen Mühlen auf politischer Ebene zuweilen mahlen.Erahnen läßt sich dies auch beim Stöbern in den insgesamt zwei Dutzend Gesetzentwürfen, Änderungsanträgen und Empfehlungen, die in schönstem Bürokratendeutsch und in vollem Umfang auf der CD-ROM versammelt sind.Damit die Politikverdrossenheit des Anwenders angesichts der präsentierten Textfülle nicht erneut Oberhand zu gewinnen droht, erleichtern diverse Menüfunktionen - wie Volltextrecherche oder Zwischenablage - die gezielte Suche nach Einzelinformationen und deren Weiterverarbeitung erheblich.Trotz zahlreicher Verästelungen innerhalb der einzelnen Hauptkapitel behält der Anwender stets den Überblick.

Wünschenswert gewesen wäre indes bisweilen ein Link zu weiterführenden Angaben innerhalb des Multimedia-Magazins.So entpuppt sich nämlich ausgerechnet die Übersicht "Steuern in Deutschland" insgesamt als wenig hilfreich.Zwar halten die Macher hier jeweils ein paar Zahlen und Fakten zu den wichtigsten bundeseinheitlichen Steuern parat.Doch was nutzt beispielsweise in Zusammenhang mit der Mehrwertsteuer der Hinweis auf den ermäßigten Satz von sieben Prozent, wenn die davon betroffenen Güter nicht aufgeführt sind? Ein Verweis zur Rubrik "5000 Jahre Steuergeschichte", in der unter anderem auch Herkunft und Bedeutung dieser Steuerart erläutert werden, hätte bereits genügt.



Kurios: Vor allem so manche Multimedia-Spielerei auf der aktuellen Scheibe erweist sich eher als kontraproduktiv, legt man die zu bekämpfende Politkverdrossenheit als Maßstab zugrunde.Zwar lassen sich die Videoclips mit Ausschnitten der Bundestagsdebatte vom Januar vergangenen Jahres mit etwas gutem Willen durchaus noch als zeitgeschichtliche Dokumente verbuchen.Doch spätestens die Statements der verschiedenen finanzpolitischen Sprecher auf ausgewählte Fragen einzelner Bürgerinnen und Bürger erinnern äußerst unangenehm an hinlänglich bekannte Banalitäten aus dem Fernsehen.

Das "Bundestag-Magazin" auf CD-ROM ist kostenlos erhältlich beim Deutschen Bundestag, Abt.Öffentlichkeitsarbeit, Friedrich-Ebert-Allee 38, 53113 Bonn, Tel.0228/16-25390 oder -27453, Fax -26506.Über die Internet-Homepage können sich Interessenten zudem in eine mailing-Liste aufnehmen lassen.Das Magazin wird dann regelmäßig zugeschickt.Adresse: www.Bundestag.de

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