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Die Chinesen haben es den Deutschen vorgemacht. In 22 Monaten bauten sie die Transrapid-Trasse in Schanghai. Nun möchte der Kanzler die neue Technik auch zu Hause durchsetzen – und dafür die umständlichen Planungsprozesse beschleunigen.

Jürgen Zurheide[Schanghai]

Gerhard Schröder hat jetzt schon eine ganze Weile über seine Reformpläne für Deutschland geredet. Mal ist er auf das Papier aus dem Kanzleramt eingegangen, das für ihn keine Bibel, aber eben doch einen wichtigen Meilenstein der Debatte darstellt. Irgendwann spricht er über den Arbeitsmarkt, davon dass es auch die eine oder andere Zumutung geben wird und dann wendet er sich plötzlich nach rechts, dort sitzt seit einiger Zeit stumm Wolfgang Clement neben ihm. Schröder legt seine Hand auf dessen Arm, zeigt dieses Lächeln, bei dem die Zähne nicht nur Freundlichkeit, sondern auch Angriffslust signalisieren und sagt: „Meine Unterstützung hat er." Dann lässt er eine kleine Kunstpause entstehen und danach fügt er hinzu: „Das müssen wir gemeinsam durch die Partei bringen."

Es ist spät in der Nacht in Peking, als Schröder diesen Satz sagt. Er weiß, dass er am Silvestertag gemeinsam mit dem chinesischen Ministerpräsidenten Zhu Rungji den Transrapid in Schanghai einweihen wird und alle Welt sich die Frage stellen wird, warum ein deutsches Produkt der technischen Spitzenklasse ausgerechnet in der neuen Welt zu bewundern sein wird. Nur 22 Monate, das hat der chinesische Regierungschef seinem europäischen Kollegen genüsslich erklärt, haben die Verantwortlichen in der Hafenstadt für die 30 Kilometer Strecke gebraucht. In dieser Zeit haben sie die Genehmigung erteilt, die Strecke freigeräumt, die Verträge geschlossen und die Bauteile pünktlich zusammengesetzt.

„Warum schaffen Sie das nicht in Deutschland“, hatte ihn der chinesische Kollege schon am ersten Tag gefragt und Schröder musste eher peinlich berührt den Blick senken. Solche Situationen gefallen dem Kanzler nicht, aber er reagiert, wie er immer reagiert, wenn er unter Druck gerät. Wer ihn intensiv in den nächtlichen Diskussionsrunden beobachtet, wird später berichten: „Der hat verstanden, dass wir in Deutschland auch solche Projekte schaffen müssen." Deutschland können von China lernen, „dass wir Planungsprozesse beschleunigen müssen“, sagte der Kanzler und begann, vom Metrorapid zwischen Düsseldorf und Dortmund geradezu zu schwärmen: „Ich setze darauf, dass dies positiv abgeschlossen werden kann".

Am Ende der Eröffnungszeremonie für den Superzug in Schanghai rief Schröder in den Saal: „Es brauchte jemanden, der an die Machbarkeit geglaubt hat“ – und hunderte Chinesen klatschten begeistert. Der Kanzler nannte auch den Namen des Mannes, ohne den das Projekt gegen die zahlreichen Widerstände zum Beispiel im Pekinger Eisenbahnministerium nicht hätte realisiert werden können: Zhu Rongji. „Ihre Begeisterung und Ihr Willen haben ein Beispiel gesetzt“, sagt Schröder und spätestens jetzt ahnt er, dass man ihn in Deutschland nun auch fragen wird, ob er mit dem gleichen Einsatz zur Sache geht. Sein neuer Verkehrsminister, Manfred Stolpe, der sich bisher zurückhaltend zu dem Projekt geäußert hat, spürt nach diesen Sätzen seines Kabinettschefs, dass er seine Haltung überdenken muss. Am Ende spricht er von dem „Signal für Deutschland“ und beschwört den „Durchbruch“ und ruft dann aus: „Jetzt muss gehandelt werden."

Peer Steinbrück, der neue Ministerpräsident in Düsseldorf, hat diese Stimmen freudig vernommen. Zu Beginn der Reise wiesen seine Mundwinkel überwiegend nach unten, was ein untrügliches Zeichen für seine Stimmungslage war. Die Chancen auf Realisierung des Projektes im größten Bundesland standen eher schlecht. Nach den drei Tagen in Asien klang das schon anders: „Ich bin optimistisch, dass wir das jetzt schaffen." Er sieht, wie übrigens auch Gerhard Schröder, dass Europa den Blick über die Grenzen hinaus richten muss, will es nicht international abgehängt zu werden.

Dass es in Deutschland dagegen bald wieder Debatten über die Frage geben wird, warum neben ihm zum Beispiel nicht der bayrische Ministerpräsident Stoiber mit nach China gefahren ist, holt ihn nur für kurze Zeit zurück in die Realität: „Der hätte nur fragen können, dann wäre er mitgefahren, aber ich habe den Eindruck, der wollte gar nicht".

Bis 2006 zur Fußballweltmeisterschaft will er Nordrhein-Westfalen die Strecke im Ruhrgebiet fertig haben, sagt Peer Steinbrück. An seiner Seite hat er nach wie vor Wolfgang Clement, der in den nächtlichen Gesprächen in Asien auch dem Kanzler klar gemacht hat, wie wichtig diese Technik für Deutschland ist. Dass die öffentliche Debatte um Clement als Aspiranten auf das höchste Amt keine tiefen Spuren hinterlassen hat, zeigt sich nicht nur daran, sondern auch am unbefangenen Umgang Schröders mit dem Thema.

„Da kommt der Nachfolger“, beliebt er zu scherzen, wenn Clement den Raum betritt. Der verspricht ihm dann, dass er unbeirrt für weitere Reformen in Deutschland kämpfen wird, auch gegen Widerstände aus den eigenen Reihen. Diese Freiheit hat er nur als Kronprinz, nicht als Chef – das wissen sowohl Schröder wie Clement.

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