Zeitung Heute : Mit Vollgas an die Wand

KURT SAGATZ

An Katastrophen-Szenarien mangelt es nicht: Von Zusammenbrüchen in der Finanzwelt über den Kollaps der Energiewirtschaft bis zum Exitus der medizinischen Versorgung wurden im Zusammenhang mit der Datumsumstellung zum 1.Januar 2000 alle nur denkbaren Schreckensgemälde an die Wand gemalt.In Deutschlands Großunternehmen nehmen sich seit längerem spezielle Arbeitskreise dieses Problems an und haben bereits die Kosten für die notwendigen Arbeiten beziffert.Bis zu 300 Millionen DM für ein Unternehmen wie die Telekom werden dabei veranschlagt.Der Bundesverband für Informations- und Kommunikationssysteme erwartet in Deutschland Kosten in Höhe von 45 Milliarden DM.

Während sich die Konzerne der anstehenden Aufgabe stellen, verschließt der Mittelstand weitgehend die Augen vor den Risiken einer nicht mehr ordnungsgemäß arbeitenden Computertechnik."Es fehlt das Problembewußtsein", meinte dazu der Chef des Berliner Systemhauses Horn & Görwitz, Wolfgang-Michael Görwitz, am Rande eines Fachsymposiums am Donnerstag in Berlin."Es ist wie mit Weihnachten, das bekanntlich auch jedes Jahr völlig überraschend vor der Tür steht", ergänzt der Unternehmenschef, dessen Firma neben dem Mittelstand auch noch Großunternehmen wie Schering, Gilette oder Schindler betreut.

Zum Hintergrund: Ältere Programme aber auch Teile der Computerhardware beschränken Datumsangaben aus Platzgründen auf die letzten beiden Ziffern.Datumsrelevante Berechnungen können daher mit dem Wechsel zum Jahr 2000 unter Umständen nicht mehr richtig dargestellt werden.Dieses Problem tritt jedoch nicht nur bei offensichtlich datumsorientierten Programmen beispielsweise zur Zins- und Tilgungsberechung im Bankwesen oder bei der Berechnung von Verfallsdaten bei Arzneien und Lebensmitteln auf."Wir nutzen zum Beispiel bei uns einen alten Rechner als Druckserver, der den Datumswechsel sicherlich nicht überstehen wird und somit ausgewechselt werden muß", sagte Görwitz mit Blick auf vermeintlich sichere Anwendungen.Die Gründe für die Zurückhaltung des Mittelstandes sind leicht nachzuvollziehen.Vor allem kleine und mittlere Unternehmen sind häufig äußerst kapitalschwach und haben deshalb in der Vergangenheit nicht selten auf selbstgestrickte Softwarelösungen setzen müssen.Anders als bei der im nächsten Jahr anstehenden "weichen" Einführung des Euros führt eine Verschleppung des Jahr-2000-Problems allerdings nicht nur dazu, daß vielleicht der eine oder andere Kunde verärgert wird, weil nicht gleichermaßen DM- und Euro-Preise ausgezeichnet werden.Wer hier nachlässig ist, stellt den Betrieb des ganzen Unternehmens in Frage.

So schlimm, wie viele befürchten, muß es auch gar nicht kommen.Wolfgang-Michael Görwitz empfiehlt, in jedem Fall eine Standardüberprüfung durchzuführen.Nach einem Datenbackup wird dazu das gesamte System auf das Jahr 2000 vorgestellt.Zum einen wird geprüft, ob die Rechner am 1.Januar überhaupt ansprechen, zum zweiten muß festgestellt werden, ob auch die Schaltjahrberechnung stimmt.Zum weiteren Standardprozeß gehört die Überprüfung, ob die eingesetzten Programme für den Datumswechsel ausgelegt sind.Entsprechende Listen haben zumindest die großen Hersteller ins Internet gestellt.Von der Weiternutzung von Uraltprogrammen aus Cobol- oder Fortran-Zeiten rät Görwitz ab.Zum einen sei die Runderneuerung der Programme zeit- und kostenaufwendig.Zum anderen böte moderne Software, die es für fast jedes erdenkliche Problem gebe, auch mehr Flexibilität in der Anpassung an die eigenen Bedürfnisse.

Allzu lange warten sollte allerdings auch der Mittelstand mit dieser Prüfung nicht mehr.Schätzungen zufolge erfordert die Lösung des "Millenium-Bugs" 35 000 Mannjahre, so Görwitz.Wer dann zu spät kommmt, wird kaum noch einen freien Termin finden.Natürlich bleibt noch die Möglichkeit, am 31.Dezember 1999 eine letzte Sicherungskopie aller Daten zu machen, um dann zu hoffen, daß am nächsten Tag noch alles läuft.Doch darauf sollte man sich besser nicht verlassen.

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