Zeitung Heute : Mit Zwang zur Entwicklung verholfen ?

Ursel Nendzig

Hört sich erstmal ziemlich schräg an: da sollen Kinder und Jugendliche, die bereits viele Gewalterfahrungen erlebt haben, mit Hilfe von Zwangselementen erzogen werden? Konkret meint das: in Heimen mit „Auszeiträumen“, ausstiegssicheren Fenstern, Leibesvisitationen und verpflichtender Teilnahme an Gruppengesprächen.

„Zwang“ und „Heimerziehung“ in einem Atemzug zu verwenden, sagt Mathias Schwabe von der Evangelischen Fachhochschule, ist für viele seiner Kollegen ein rotes Tuch. „Zunächst völlig zu Recht“, so Schwabe, „weil Zwang in Heimen lange Zeit überwiegend Gewalt bedeutet hat und tatsächlich mit dem Ziel angewandt wurde, den Willen der Kinder zu brechen“. Trotzdem berichten ernsthafte Erzieher immer wieder glaubhaft davon, besonders schwierige Kinder erst mit der Anwendung von Zwang erreicht zu haben: wenn er denn behutsam und begrenzt eingesetzt und die Gesamtatmosphäre annehmend und liebevoll gestaltet wurde. Diese Spannung galt es zu erforschen.

Initiiert wurde das Forschungsprojekt vom Evangelischen Fachverband für Erziehungshilfen in Westfalen. Drei Heime gaben den Anlass dafür: dort waren aus den Erfahrungen des Scheiterns mit hoch aggressiven Kinder und delinquenten Jugendlichen Konzepte entwickelt worden, die beides enthalten wollten: ein offenes, attraktives Klima, aber eben auch einzelne Elemente von Zwang, die von Eltern und Jugendämtern ausdrücklich erwünscht sein mussten.

Alle Kinder und Jugendlichen, die in eines dieser drei Heime kamen, hatten schon „Heimkarrieren“ hinter sich und galten als schwer vermittelbar. Auch deswegen weil ihnen von Seiten der Jugendämter zum Teil zu spät oder mit den falschen Hilfen begegnet wurde. Im Rahmen der neuen Konzepte sollte unter externer Beobachtung erforscht werden, ob das Zusammenspiel der unterschiedlichen Methoden – Beziehungsangebote und Zwangselemente – gelingen kann und die Kinder und Jugendlichen sich dabei auch entwickeln würden.

Zum Beispiel ging es bei den Kindern zwischen acht und zwölf Jahren um „Auszeiträume“. Wer andere bedrohte oder im Konflikt mit einem Pädagogen ausrastete, wurde in einen solchen Raum gebracht. Dort durften die Kinder gegen Matten und Schaumstoffwürfel boxen, schlagen und treten bis sie sich beruhigt hatten und man den Konflikt klären konnte. „Sie wurden dabei von Mitarbeitern begleitet – und es gab ein Sichtfenster, um die Situation zusätzlich von außen beobachten zu können“. Die meisten Heimkinder mussten zu Beginn gegen ihren Willen in diesen Raum gebracht werden. Doch nach einiger Zeit gingen sie freiwilliger mit, und manche nach ein paar Wochen sogar von alleine, um ihre Wut auszutoben, ohne jemanden angreifen zu müssen. „Bei etwa der Hälfte der Kinder war das der Fall“, sagt Mathias Schwabe. „Bei der anderen blieben die Auszeitraumerlebnisse jedoch ohne erkennbaren Gewinn“. Es war lediglich möglich gewesen, die Kinder länger in der Heimgruppe zu halten und weniger rasch in die Psychiatrie zu vermitteln. „Hört sich nicht besonders erfolgreich an“ sagt Schwabe, „aber für diese Zielgruppe gilt generell: 50 Prozent Erfolg ist schon viel. Es gibt kein Methode, die bei allen hilft!“

Dasselbe gilt auch für die Programme, in deren Rahmen sich Jugendliche durch pünktliches Aufstehen oder regelmäßigen Schulbesuch Punkte verdienen mussten, die sie gegen längeren Ausgang oder eine bessere Zimmerausstattung eintauschen können. „Ein Drittel konnte davon nachhaltig profitieren, ein Drittel haute einfach ab und ein letztes Drittel zeigte sich auch schon von geringen Ansprüchen überfordert“, so Schwabe. Aber mit der Zeit haben die Heime gelernt, ihre Anforderungen besser an die Fähigkeiten der Jugendlichen anzupassen.

Ob er sein selbst gestecktes Ziel erreicht habe, ein stark tabuisiertes Thema aus seiner Grauzone herauszuholen, kann Mathias Schwabe nicht sagen. „Auf jeden Fall gab es viel positive Resonanz von Kollegen, die froh sind, dass sich jemand offen mit dem Thema befasst hat.“ Kritische Reaktionen gibt es auch: „Viele befürchten, dass Zwangselemente missbraucht werden könnten. Das kann man auch nicht sicher vermeiden. Die aufmerksame Kontrolle der Kontrolleure muss deshalb mit zum Konzept dazugehören.“ Ursel Nendzig

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