Mithat Gedik als Schützenkönig : Tschingderassa auf die Verfassung

Mithat Gedik durfte nicht Schützenkönig in Werl-Sönnern werden, weil er Muslim ist. Jetzt darf er aber doch die Schützenkette tragen. Gut, dass sich die Schützen ausnahmsweise einmal verfassungskonform verhalten, meint unser Autor.

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Mithat Gedik feiert seinen Sieg.
Mithat Gedik feiert seinen Sieg.Foto: dpa

Schützen. Sie kommen immer mal wieder ins Gerede. Auch dieser Tage, wo Mithat Gedik aus Sönnern-Pröbsting erst kein Schützenkönig sein durfte, dann aber doch. Dass einige dieser Brüder homophob sind, wissen wir, seit ein Münsteraner Schützenkönig erst seinen Lebensgefährten nicht auf den Thron heben durfte und die Diözesanschützenverbände aus Paderborn und Münster anschließend verfügten, dass dergleichen auch nie und nimmer vorkommen dürfe. Dass andere dieser Brüder fremdenfeindlich und möglicherweise auch rassistisch, auf jeden Fall verfassungs- und menschenrechtswidrig sind, wissen wir, seit sie ihrem Kameraden Gedik die Königswürde verweigern wollten, obwohl Religionsfreiheit ein Grundrecht und Menschenrecht ist. Mithat Gedik ist Muslim. Möglicherweise wäre die Aufregung geringer gewesen, wenn Mithat Gedik den Vogel nicht mit einem hier handelsüblichen Schießgewehr runtergeholt hätte, sondern nach Art und Sitte von Muslimen mit einem gezielten Steinwurf. Dann wäre der Muselmann wenigstens bei seinen Leisten geblieben, statt im Namen von Christus durch die Gegend zu ballern.

Wenn man im katholischen Rheinland aufwächst, lernt man Schützen als überwiegend männliche Trachtengruppe kennen, die mit Tschingderassabum durch die Straßen zieht, einen Hang zum Militärischen hat und so auch auftritt. Abends im Festzelt legen sich diese Schützenbrüder auf jeden Fall am Glas bis zum Stillstand der Augen mit soldatischer Disziplin ins Zeug. Ich bin im Rheinland aufgewachsen, ich mag, Tschingderassabum, keine Schützen. Aber man muss sie doch jetzt loben. Weil der Bund der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften als katholisch orientierter Dachverband auch der Schützen von Sönnern-Pröbsting nach tagelanger Konklave seinen Würgegriff gegen Schützenbruder Mithat Gedik gelockert hat. Kamerad Gedik, das am Rande, verheiratet mit einer Katholikin, vier katholische Kinder, fest integriert im gesellschaftlichen Leben von Sönnern-Pröbsting. Und auch in der Freiwilligen Feuerwehr. Der Dachverband hat also jetzt verfügt, dass Gedik doch die Schützenkette tragen darf. Seine Frau, da sind die Schützenbrüder tolerant, darf auf dem Thron neben ihm Platz nehmen. Am Bezirkskönigsschießen darf Gedik aber nicht teilnehmen. Und überhaupt wird die Genehmigung nur „ausnahmsweise“ erteilt. Ein Tschingderassabum, dass die Schützen sich ausnahmsweise einmal verfassungskonform verhalten.

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