Zeitung Heute : Mitsprechen

Ariane Bemmer

Wie eine Westberlinerin die Stadt erleben kann

Die Freude an Wiederholungen ist eine frühkindliche Spezialität. Nur sehr kleine Babys finden es lustig und immer lustiger, wenn man sie zigmal an der selben Stelle in die Backe kneift. Je älter die Kinder werden, desto schneller reagieren sie auf Wiederholung gelangweilt, später genervt, und falls nicht, rufen Erwachsene einem den Psychiater. Und doch würde mir ohne ständige Wiederholung manche Erinnerung an meine Schülerzeit fehlen, in die nämlich fiel die Verbreitung des Videorekorders in Privathaushalten, was dazu führte, dass eine Schulfreundin und ich ganze Nachmittage damit zubrachten, dieselben Filme immer wieder zu gucken. Es waren Filme, die ihre Eltern aufgenommen hatten (darunter über mehrere Kassetten verteilt die Hochzeit von Charles und Diana), und uns interessierten in der Palette nur eine Handvoll, die wir irgendwann auswendig konnten: „Help!“ von den Beatles, in dem Ringo Starr einen heiligen Ring erwirbt, den er nicht mehr vom Finger kriegt und deshalb von fanatischen Priestern gejagt wird. Darin lümmeln die Beatles in einer Wohnung herum, als das Telefon klingelt und John Lennon hält einen Gartenschlauch ans Ohr, lauscht und reicht ihn weiter mit den Worten: „Für Dich, es ist der Gärtner.“ Haben wir gelacht. Oder „Die oberen Zehntausend“ mit Grace Kelly über eine nicht stattfindende Hochzeit und mit Musik: „Who wants to be a millionaire?“ Haben wir mitgesungen. Oder „Zwei glorreiche Halunken“ mit Clint Eastwood. Was haben wir jubiliert, als Eastwood im Hotel ausruht und Bösewichter kommen, um ihn zu töten, aber als sie die Tür aufstoßen, liegt er schon längst nicht mehr auf dem Bett, sondern steht in der Ecke, den Zigarillo im Mundwinkel. Er pustet sie um und sagt: „Die Sporen waren zu laut.“

Was ich sonst noch weiß von damals, prüfe ich heute Abend, denn der Film kommt im Fernsehen. Und falls mir mein frühkindliches Vergnügen an der Wiederholung peinlich wird, tröste ich mich damit, dass Quentin Tarantino „Zwei glorreiche Halunken“ auch mehrmals gesehen hat.

Zwei glorreiche Halunken, WDR, 22 Uhr

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