Zeitung Heute : Mittagspausen nutzen

Von Elisabeth Binder

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Ein kleiner, aber feiner Kurort in SchleswigHolstein. Der Bahnhof sieht putzig aus, wie von Märklin, und ist mit frischem Schnee pittoresk bestäubt. Innen gibt es trotzdem ein schick verglastes Bahnzentrum. Darauf steuert, es ist so gegen viertel vor zwölf Uhr mittags, langsam ein alter und ganz offensichtlich gehbehinderter Mann zu. Aber die Tür bleibt zu. Die Angestellte hat sie gerade noch rechtzeitig verschlossen, bevor der Mann sie erreichen konnte. Ratlos blickt er sich um. Klopft dann an. Umgehend springt die Bahnangestellte mit einem großen Pappschild herbei. Mittagspause für die nächsten anderthalb Stunden, verkündet es. Triumphierend klebt sie es gegen das Glas. Dem Mann, der immer noch ein bisschen hilflos in die Gegend guckt, gönnt sie kein einziges Wort.

Das Schild wäre übrigens nicht unbedingt nötig gewesen, denn in kleineren Buchstaben ist die weiträumige Mittagspausenregel auch schon auf der Glaswand ausgewiesen. Sie scheint gewissermaßen die tragende Säule dieses Betriebes zu sein. Zwei Fahrkarten-Automaten stehen ansonsten herum. Einer von ihnen sagt gleich freiwillig, dass er kaputt ist, den anderen, einen Computer, bekommen auch einige Schuljungs, die so aussehen, als hätten sie Windows mit der Muttermilch eingesogen, nicht zum Laufen.

Es ist dies kein hektischer Bahnhof, bewahre. So alle Stunde fährt was, wenigstens zur Hauptverkehrszeit. Da könnte man eine lange Pause auch mal splitten, um kurz vor der Abfahrt in die nächste Stadt den Leuten mit Fahrkarten weiterzuhelfen. Zumal der Ort sich glücklich schätzt, überhaupt einen Bahnhof behalten zu haben. Das finden jedenfalls einige resolute Frauen, die sich inzwischen eingefunden haben. Die stolze Besitzerin der fetten Mittagspause telefoniert derweil ungerührt in ihrem Glashaus. Kein Impuls von Hilfsbereitschaft, kein freundlicher Funke von Entgegenkommen rührt sich in ihr. Ihr Motivationspegel steht offensichtlich auf null. Die Frauen, die einheimischen ebenso wie die Touristinnen, regen sich auf, der alte Mann lächelt milde resigniert, die Schulkinder haben eh Monatskarten. Die Erwachsenen fahren schließlich besten Gewissens schwarz in die Stadt, denn ein Schaffner, dem sie alle gern mal die Meinung gegeigt hätten, lässt sich während der Fahrt nicht blicken.

Nun könnte man sagen, dass solche Erlebnisse in Berlin jeden Tag in rauen Massen zu haben sind. In einer Stadt fällt das allerdings nicht so auf, da erwartet man von den Leuten gewissermaßen ein bisschen Bärbeißigkeit und kann immer noch auf den weichen Kern unter der stacheligen Schale hoffen. Auf dem Land aber, wo alle Ruhe der Welt wäre, Freundlichkeit auszuatmen, da sticht so ein Verhalten hervor, wie eine violettrote Lähmungskrankheit, sorgfältig gebettet auf ein weißes Laken. Lustlosigkeit, Gedankenlosigkeit, Undankbarkeit. Wer um seinen Arbeitsplatz nicht fürchten muss, kann alle drei bis zum Erbrechen kultivieren. Allerdings gibt es einen Weg, sich von der Lähmung zu befreien, egal, ob in der Stadt oder auf dem Land. Einfach mal probieren, wie gut es tut, sich zur rechten Zeit nützlich zu machen. Und hier noch ein Geheimtipp: Das Experiment wirkt doppelt gut, wenn man es in der Pause praktiziert.

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