Zeitung Heute : Mittlere Tiefausläufer

Das Crescendo der Regenschirme: Eröffnungskonzert in der Parkbühne Wuhlheide, einem neuen Wallfahrtsort der Freiluft-Kultur Natürlich war sofort von Taufe die Rede, als mitten im feierlichen Eröffnungskonzert jener urgewaltige Gewittersturm über die Parkbühne Wuhlheide niederging.Aber die Tatsache, daß musikalisch erlebte Naturromantik eben auch ihre feuchten, will sagen klatschnassen Schattenseiten hat, wird die zunehmend enthusiastische Musik-in-freier-Luft-Begeisterung nicht mehr dämpfen können.Sieht man einmal davon ab, daß praktisch die halbe Stadt im Sommer als Open-Air-Bühne verwendet wird, gibt es mit der Parkbühne nun eine zweite offizielle offene Konzertarena.Bei der Suche nach einem gemeinsamen Nenner für das Programm, das die Brandenburgische Philharmonie unter der Leitung von Victor Puhl zur feierlichen Eröffnung dort aufführte, fiel einem wohl der Umstand auf, daß es sich sämtlich um populäre, leicht zu hörende Werke handelt: Tschaikowskys Ouvertüre "1812", Beethovens Sinfonie Nr.5 c-moll, Vivaldis Vier Jahreszeiten und Ravels Bolero.Vielleicht eine Verbeugung vor der Tatsache, daß die Open-Air-Kultur einen nicht gering zu schätzenden Beitrag zur Popularisierung der Klassiker geleistet hat. Norbert Döpp von Downtown, dem zweitgrößten Konzertveranstalter der Stadt, und Matthias Hoffmann, der unter anderem die drei Tenöre vermarktet, bilden die Betreibergesellschaft, die das Gelände von der Kulturverwaltung gemietet hat.Acht Millionen Mark mußten sie investieren, um aus der "unter Denkmalschutz stehenden Wildnis" (Radunski) ein Metropolen-Ahnung ausstrahlendes Freilufttheater zu machen.Das ist mit 17 000 Plätzen etwas intimer als die von Peter Schwenkow betriebene, arrivierte Waldbühne, die 22 000 faßt.Letztere entstand zwischen 1934 und 1936 neben dem Olympiastadion, die Parkbühne wurde vor 46 Jahren als Teil des Pionierparks in Köpenick gebaut.Wenn auch die Bäume hier noch nicht ganz so hoch und so schön in den Himmel wachsen wie in der Waldbühne, ist das Werk doch gelungen.Die Sitze auf den Bänken sind sogar numeriert, was die in der Waldbühne immer so aufschlußreichen Studien über menschliches Platzhirschgebaren schwieriger machen wird.Ohnehin trugen nur wenige Gäste in der anfangs etwa dreiviertel vollen Arena Picknickkörbe bei sich. Natürlich sind klassische Konzerte in solchem von Unwägbarkeiten angefüllten Ambiente nichts für Puristen.Denn die Musik tritt im Angesicht der übermächtigen Natur einen deutlichen Schritt zurück.Die sakrale Atmosphäre des Schauspielhauses wird aufgehoben zugunsten außermusikalischer Elemente.Schließlich trägt das Multi-Erlebnis Natur und Musik zutiefst romantische Züge.Zumal wenn sich über den Häuptern Wolken um einen sonnengoldenen Hof ballen wie auf einem alten italienischen Gemälde. Nach einem leicht heiseren Ouvertüren-Auftakt, den wir mal der Jungfräulichkeit der Mikrophone zuschreiben wollen, gab das Orchester unter der Leitung von Victor Puhl souverän die vertraute Fünfte - angereichert mit den überraschenden Klangcollagen des Umfelds: Dem Weinen eines Kindes.Dem Rauschen der Baumwipfel.Dem Grollen der Flugzeugmotoren.Dem Knistern der Kekstüten.Dem Flüstern der älteren Damen.Dem Heulen ferner Feuerwehrsirenen.Dem in der Dämmerung anschwellenden Gesang der Vögel.Den sanften Sauggeräuschen sich küssender Lippen.Dem Klicken eines Feuerzeugs.Und schließlich dem Crescendo tausendfach aufspringender Regenschirme, begleitet vom entschuldigenden Gelächter des Publikums. Dann fegte das plötzlich niedergehende Gewitter eine Wasserwand durch die Konzertarena, in deren Angesicht die Niagara-Fälle ihre Aktivitäten resigniert eingestellt hätten.In Sekundenschnelle verwandelte sie das grasige Innenrund mit den sorgfältig arrangierten Stuhlreihen in einen lieblichen kleinen See und wusch die Ränge rein von allen nicht-wasserfesten Natur-Musik-Freunden.Nach der Pause blieben vielleicht zweitausend Zuhörer übrig, viele gekleidet in Regencapes mit Aufdrucken von anderen Freiluftveranstaltungen auf der Welt.Der Frühling wurde zum Nachsitzen verurteilt, und über alle nun im Stehen aufgeführten Jahreszeiten legte sich ein leise melancholisches "Gedenke des Novembers". Es ist nicht untypisch für diese Art der Veranstaltung, daß die vor etwa hundert Jahren untergegangene und in den Sälen verpönte Sitte, zwischen den Sätzen zu applaudieren, eine temperamentvolle Auferstehung feiert, angereichert von der modernen Variante, mitten im Satz zu klatschen.Auch gehustet wird eher, während die Musik spielt, zwischendrin nur Applaus und Vogelzwitschern.Am Ende gab es dann trotz höchster Luftfeuchtigkeit noch den lautstark reklamierten Bolero, und dazu regnete es goldene Funkenblumen vom Himmel.Ein wunderschöner Schluß für diejenigen, die ausgeharrt hatten.Seltenes Erlebnis zudem, denn meist fehlt das Geld für solche Extravaganzen. Da wir gerade dabei sind: Die vehemente Weigerung der Kulturverwaltung, Auskunft zu geben über die Höhe der Mieteinnahmen mit dem hier höchst fadenscheinigen Argument des "Datenschutzes" läßt auf Turbulenzen hinter den Kulissen schließen.Wollen wir mal hoffen, daß sich die reinigende Kraft des Premierengewitters positiv auf die Zukunft der Parkbühne auswirkt.Solange die S-Bahnzüge nach Konzertschluß noch nicht zum Zoo durchfahren, wird sich der konkurrierende Waldbühnenbetreiber allerdings getrost eine Extramütze ruhigen Schlafes gönnen können.

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