Zeitung Heute : Mittlerin zwischen Welten

30.07.2006 00:00 UhrVon Judith Reker

Die Bundeswehr hat eine Ethnologin in den Kongo mitgenommen: zwei Tage im Leben der Barbara Mück

Am Dienstag steht die Sonne wie hinter einem schmutzigen Gazetuch. In einem Hinterhof in Kinshasa sitzen knapp 30 Frauen im Kreis. Die Jüngeren lümmeln sich in den Plastikstühlen, die Älteren sitzen aufrecht und halten ihre Handtaschen mit Fäusten auf dem Schoß.

Die katholische Frauengruppe, Lehrerinnen, Brotverkäuferinnen, eine Hebamme und eine Geldtauscherin, sie alle warten auf Hauptmann Barbara Mück. Die Frauen wollen anonym bleiben, denn sie reden offen. Da, endlich, betritt sie den Hof, blauäugig, blonder Pferdeschwanz, 46 Jahre alt. Sie schüttelt jeder Frau die Hand, lächelt, „Bonjour“.

Sie setzt sich auf einen der Plastik stühle: „Darf ich mich vorstellen“, sagt sie auf Französisch, „ich heiße Barbara Mück, ich bin Ethnologin aus Deutschland, ich bin verheiratet, und mein Mann ist nicht glücklich, dass ich hier bin.

“ Dafür erhält sie ein mitfühlendes, einstimmiges „Hmmmm“. Wie viele Kinder sie habe, will eine Frau wissen: „Vier“, antwortet Barbara Mück, „aber mein Mann war vorher mit einer anderen Frau… ach, es ist kompliziert.“ Die Frauen lachen, und Barbara Mück muss nicht erklären, was sie hier nicht erklären will: dass es die Kinder ihres Mannes aus erster Ehe sind. „Keine eigenen Kinder zu haben, das ist in Afrika schwer zu begründen“, meint sie später.

Mück ist gekommen, um den Frauen „Eufor“ zu erklären, die Europäische Mission in der Demokratischen Republik Kongo. Deren Mandat beginnt am Sonntag, wenn im Kongo, dem drittgrößten Land Afrikas, nach mehr als vier Jahrzehnten Bürgerkrieg und Diktatur die ersten Wahlen stattfinden. Neben den Franzosen stellen die Deutschen das größte Kontingent. 280 sind in Kinshasa stationiert, 500 im Nachbarland Gabun, und die Bundeswehr stellt auch die einzige Ethnologin der Eufor. Seit drei Jahren hilft Barbara Mück, die Auslandseinsätze richtig anzupacken, und zwar in einer Doppelfunktion. An diesem Morgen ist sie als Repräsentantin der Eufor unterwegs und erklärt den Einheimischen, wieso die fremden Soldaten in ihr Land gekommen sind, sie will Vertrauen schaffen, denn die Kongolesen misstrauen waffentragenden Uniformierten grundsätzlich; die Frauen sollen die Informationen in ihren Vierteln dann weiterverbreiten. Aber später wird sie umgekehrt auch den Soldaten etwas über die Einheimischen erzählen. Deshalb hat auch sie Fragen, zum Beispiel: „Wie ist die Stimmung jetzt vor den Wahlen?“

Die Frauen reden sich warm. Sie sagen, dass sie nach einem Wahlboykottaufruf der katholischen Kirche verunsichert seien, dass viele glaubten, die Wahlen würden nicht fair verlaufen. Dann sind sie an der Reihe zu fragen, und die Fragen kommen hart, manchmal wütend: „Warum kommt die Eufor erst jetzt, wo es schon ein bisschen Frieden gibt? Als hier Krieg war, wo wart ihr da?“ Oder: „Wir haben gehört, dass die Europäer schon entschieden haben, welcher Kandidat gewinnt. Haben Sie das auch gehört?“

Die Wangen der Ethnologin glühen, Fragen auf den Punkt, das macht ihr Spaß. Auf der Fahrt zur Frauengruppe hatte sie erzählt: „Die Art und Weise der Bundeswehr kommt meinem Typ entgegen. Strukturiert. Pünktlich. Ich war mal in der Entwicklungszusammenarbeit, das war so ein Wir-machen-eine-Arbeitsgruppe-Gelaber. Schrecklich.“

Sie beantwortet die Fragen routiniert. Sie spricht vom Engagement der Europäer und dass sie natürlich neutral seien. Nur einmal ist sie ratlos. Als eine der Frauen erklärt, dass die meisten Kongolesen keine Vorräte haben. „Wie helfen Sie uns bei Unruhen, wenn wir für lange Zeit unsere Häuser nicht verlassen können?“ Diese Frage hat sich Mück nie gestellt. Nach einer Pause antwortet sie, die Eufor könne das nicht leisten, Kinshasa mit Essen zu versorgen. „Tut uns sehr leid.“ Aber sie werde diese Sorge weitergeben.

Angst ist ein Unterton in den Fragen, der immer wieder auftaucht, und die Gleichzeitigkeiten in der Achtmillionenstadt Kinshasa machen auch deutlich wieso. Während sich die Frauen im Frieden des Hinterhofs austauschen, treffen SMS-Nachrichten auf dem Handy der Reporterin ein. „Granate im großen Markt eingeschlagen. Genaue Ursache unbekannt.“ „Demonstration der UDPS (größte Oppositionspartei) auf Boulevard Lumumba.“ An diesem Tag werden die Wahlkampfausschreitungen in Kinshasa zum ersten Mal sehr heftig, randalierende Gegner des Staatschefs Kabila treiben Hunde in Kabila-T-Shirts durch die Straßen, es gibt Schwerverletzte, Tränengas, Schüsse.

Die Frauen im Innenhof reden und reden. Eine erzählt, wie sie kürzlich mit dem Bus fuhr, da waren auch fünf Soldaten. Ein Gespräch über die Wahlen entspann sich, ein Militär wurde wütend und drohte den Zivilisten, dass die Armee schon einen Kandidaten habe, und wenn der nicht gewählt werde, würden Zivilisten sterben. Die Frau will den Namen des Kandidaten nicht aussprechen, aber als Mück nachfragt, „Sie meinen Vize-Präsident Bemba?“, nickt sie still.

Eine andere fragt nach den Methoden der Eufor. „Madame Mück, werden Sie notfalls auch Waffen benutzen?“ „Ja, natürlich.“ Missmutiges Grummeln. „Und zwar sehr viele.“ Nun murren einige Frauen laut und machen abschätzige Gesichter. Sie haben genug Waffengewalt gesehen in ihrem Leben. Aber Barbara Mück spricht nun sehr engagiert. „Der Mann, dessen Namen eben niemand nennen wollte, mal angenommen, der greift zu den Waffen. Sollen wir da mit ihm reden? Oder sollen wir ihm nicht lieber zeigen, dass wir stärker sind?“

Zum Abschluss wendet sich das Gespräch wieder persönlicheren Themen zu, vom Brautpreis ist die Rede, eine Art männliche Mitgift, die im Kongo viele Menschen am Heiraten hindert; nun ist Mück nicht mehr die Eufor-Repräsentantin, sondern wieder neugierige Ethnologin. Was kostet eine Braut, will sie wissen? „Ca depend“, kommt drauf an. „Okay“, setzt Barbara Mück wieder an. „Auf dem Land, eine schöne Frau aus einer guten Familie, was kostet das?“ Kommt drauf an. Mück wird unruhig, endlich fällt eine Zahl. In Kinshasa sagenhafte 2000 bis 3000 Dollar. Verhandlungsbasis. Und wenn sie auch eine gute Ausbildung hat? Geht der Preis rauf. Wenn sie verwitwet ist? Geht er runter.

Barbara Mück ist trotz Uniform keine „richtige“ Soldatin, sondern Zivilangestellte der Bundeswehr und zwar in Mayen bei Koblenz, Dezernat „Info-Konzepte“. Dieses Dezernat gibt es seit vier Jahren und wurde gegründet, um der wachsenden Zahl der Auslandseinsätze der Bundeswehr gerecht werden zu können. Insgesamt acht Leute arbeiten dort, die die wichtigsten Informationen über das jeweilige Einsatzgebiet in Erfahrung und dann den Soldaten nahe bringen. Es sind Ethnologen wie Barbara Mück, aber auch ein Politologe, ein Psychologe und ein Soziologe. Barbara Mück, die schon vor dem Abflug der Soldaten in die Kasernen gefahren war für Vorträge, ist in dieser Runde zuständig für das subsaharische Afrika, das 46 Länder umfasst. „Zu wenig Leute für zu große Regionen“, sagt sie, „aber echt ein klasse Job.“

Hat sie sich Sorgen gemacht, bevor sie im Juni zu ihrem ersten großen Einsatz in den Kongo flog? „Vier Monate ein Zelt mit bis zu elf Leuten teilen. Davor hab ich echt Angst gehabt.“ Und vier Monate ihren Mann nicht sehen, na ja, „nicht ideal“. Sie ist erst seit kurzem verheiratet und sagt über ihren Mann: „Mit dem hab ich wirklich Glück gehabt.“

Am Donnerstag ist der Himmel nur noch monochrom grau. Die erste Gruppe, für die Hauptmann Mück ein Landeskundeseminar hält, besteht aus 30 Sanitätern der Bundeswehr. Hinter dem Lazarett im Hauptquartier der Eufor steht ein Zelt, davor ein Schild „Fußball Polen-Deutschland: 4:4“. Im Zelt eine Atmosphäre zwischen Schulklasse und Dorffest – bunte Glühbirnen leuchten schwach auf Bänke und Tische, hinter einem Tresen lehnt ein Kreuz aus Birkenzweigen. Vor Beginn hat die Ethnologin allen Wartenden die Hand geschüttelt.

Der Unterricht ist frontal, „aber bitte unterbrechen Sie mich anytime“. Mück steht, Hände hinterm Rücken verschränkt, und beginnt: „Das Bild, das man in der Presse vom Kongo hat, ist nicht das Bild von der breiten Bevölkerung. Der normale Kongolese will Frieden und seine Kinder großziehen.“ Es folgt ein ausführlicher Vortrag über die Geschichte des Kongo. Dann spricht sie über Straßenkinder, Verkehrsregeln („keine“), das Geschlechterverhältnis („normal, überhaupt nicht wie in Afghanistan“), Sex („lassen Sie es“) .

Sie bittet Freiwillige vor, um die freundschaftliche Begrüßung unter Männern zu demonstrieren. Statt Küsschen eine Berührung der Schläfen. Ganz wichtig der richtige Händedruck: „Bitte zerquetschen Sie hier keine Hände,“ sagt sie. „Hier legt man die Hände mehr schlaff ineinander, so.“ Immer wieder sagt sie: „Wenn ich die Leute anlächle, Hände schüttle, kriege ich genau das zurück. Probieren Sie es mal.“

Mück gibt Ratschläge zum Verhalten in großen Menschenmengen, was dort geschehen kann, das macht vielen Soldaten große Sorgen. Der wichtigste: „Nicht aussteigen!“ Eine junge Frau fragt: „Und wenn die anfangen, uns was abzumontieren?“ Antwortet ein Kollege: „Winken!“

Auch an diesem Tag blinkt eine SMS-Nachricht, um 9 Uhr 22: „Demonstration von UDPS-Anhängern in Masina unterdrückt von der Nationalpolizei. Verkehr paralysiert.“ Am Nachmittag donnern französische Mirage-Flugzeuge über die Stadt. Einen Tag darauf sterben vier Menschen und mindestens 20 werden verletzt, bei Kämpfen am Rande eines Auftrittes des Vizepräsidenten Jean-Pierre Bemba.

Am Sonntag wird im Kongo gewählt.

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