Zeitung Heute : MKS: In den Klauen der Seuche

Caroline Fetscher

Mit Stolz, fast Zärtlichkeit, bettet Angus Stovold einen Silberpokal auf ein Sofakissen. Aber auch fast so, als wollte er den Pokal würdig beerdigen. Letztes Jahr in Schottland hat er diese Trophäe für die beste Zuchtherde ihrer Art bekommen - die "aberdin Angus suckler heard of the year". Sponsor des Preises war die Bank of Scotland. "Gerade lief alles wieder besser für uns britische Farmer", sagt Angus Stovold, "von BSE hatten wir uns eben erholt, die Leute vertrauten uns wieder. Und jetzt ist FMD da." FMD - foot and mouth desease ist der englische Name für die Maul- und Klauenseuche, die Großbritanniens Vieh seit Ende Februar dahinrafft. Eine Viehpest wie diese gab es zuletzt 1967. Damals mussten 430 000 Tiere notgeschlachtet werden. Da war Angus Stovold zwei, so alt wie heute sein Jüngster, der nebenan in der Küche gefüttert wird.

Seit mehr als 900 Jahren lebt Stovolds Familie in der Grafschaft Surrey in Südengland. Seit etlichen Generationen ist jeder Stovold mit Vieh und Viehzucht aufgewachsen. Futter, Preis, Markt, das sind Worte, die die Kinder der Stovolds so gut kennen wie Wiegenlieder. Aber den Hof in Shackleford, sagt Angus, der nach der besten Zuchtherde benannt ist, sollen seine Söhne nicht übernehmen. Er glaubt nicht daran, dass die britische Agrarindustrie eine Zukunft hat. "Wie denn?", fragt er mit nüchterner Bitternis in der Stimme. Dem stämmigen, rundlichen Mann ist anzusehen, dass nicht nur sein Familienstolz gebrochen ist. Ein ganzes Lebenssystem wird in Frage gestellt. "Nicht erst seit FMD ausgebrochen ist", sagt Stovold.

Old England verkohlt

Um auf seinen Hof zu gelangen, der eingebettet ist in grüne Hügel und geschützt von moosbewachsenen Lattenzäunen und dichten Hecken, muss man zurzeit eine Sperre passieren, wie auf jedem Bauernhof der Insel. Ein rotes Schild warnt Besucher vor der Seuche, die in Stovolds Ställen zwar bisher nicht ausgebrochen, aber doch überall zu sehen ist. Bottiche, gefüllt mit dem rosafarbenen Desinfektionsmittel Virkon, stehen vor der Auffahrt. Jeder muss Stiefel und Schuhe eintauchen, damit keiner die Seuche aufs Gelände trägt. Virkongetränkt ist auch das Stroh, das der Farmer in einen Graben vor der Auffahrt gefüllt hat. So sollen die Reifen der Wagen und Traktoren desinfiziert werden.

In den Geruch von beginnendem Frühling und Kuhstall mischt sich der Geruch der Chemikalie. Es ist, als sei nach einem Mord die Spurensicherung am Werk, die herausfinden soll: Wo war die Seuche schon? Unheimlich wirkt die englische Idylle, wie ein Tatort.

"Wir fühlen uns wie Kriminelle", klagt Angus Stovold. "Seit Jahren, seit BSE spätestens, habe ich die Hälfte meiner Zeit nur mit bürokratischem Papierkram zu tun. Jedes Kalb, das geboren wird, jede Impfung, jeden Viehtransport muss ich nachweisen, beweisen, dokumentieren. Immerzu habe ich das Gefühl, ich habe etwas vergessen oder falsch gemacht. Sie fotografieren unsere Farmen sogar von Satelliten aus - mein Gott, ich bin doch einfach nur ein Bauer!"

180 Rinder besitzt Angus Stovold, eine Schweinefarm und 1200 Acres Land. Seine Steaks gehören zu den besten in der Region, sagen die Schlachter; die Bullen sind bei den Züchtern beliebt. Zurzeit darf er sie nirgends ausleihen und kein Tier zum Schlachthof fahren. "Zero income", keinen Penny verdient er in diesen Wochen. Rechnungen für Futter und Strom kommen trotzdem.

Agrarminister Nick Brown hat in der Seuchenkrise alle Viehtransporte verboten. Die Tiere dürfen nur zu Schlachthöfen transportiert werden und dann - unter Polizeischutz - zu großen Pyramiden aus Eisenbahnschwellen, Paletten, Paraffin und Stroh, wo sie bald darauf in Flammen aufgehen.

In Little Warley, Essex, einen Steinwurf entfernt von jenem Schlachthaus Cheale Meats, wo Ende Februar der erste Fall der Seuche auftrat, brennt das kontrollierte Feuer seit zwölf Tagen. Die Dorfbewohner halten ihre Fenster und Türen geschlossen, aber der beißende, süßliche Qualm dringt trotzdem durch die Ritzen. "Old England farm" heißt der Hof der Familie Lloyd, auf dem ein Teil von Old England verkohlt. Wer mit den Bauern spricht, trifft auf ein Ausmaß von Wut und Panik, das keinen Dialog mehr zulässt. "Ihr habt alle keine Ahnung, wie ernst das hier ist!", schreit ein Sohn der Lloyds in den Qualm und den Lärm hinein. "Unsere Existenz geht kaputt! Alles, was wir haben! Ich glaube nicht, dass euch das Leid tut! Ihr wisst nicht, was das hier für uns heißt!"

Staatliche Veterinäre und Brandschutzexperten arbeiten bei den Feuern. Sie tragen weiße und grüne Kittel, sie scheinen fast manisch bei ihrer Arbeit. Farmerin Joan Lloyd trifft große Schutzvorkehrungen, wenn sie das Haus verlässt, um Eier zu verkaufen. Sie sprüht alles ein, was auf das Hofgelände gelangt oder es verlässt - Schuhe, Kleidung, Autoreifen und Karosserie. Die Nächte der Familien auf diesen Höfen sind höllisch, die Tage ein Albtraum. Und wer die Bauern besucht, dem steckt der Geruch des Desinfektionsmittels noch tagelang in allen Fasern.

Von Norden bis zum Süden steht das Land, die von den Briten so geliebte Countryside, still. Bauernmärkte, Radtouren, Jagdpartien, Kutschfahrten, Wanderungen, Angelpartien wurden abgesagt, und sogar das traditionelle Pferderennen in Sheltenham wurde verschoben. Der Zoo in Edinburgh bleibt zu und die Royal Gardens und Parks in London auch. 65 000 Tiere sind seit Ende Februar notgeschlachtet worden, mit Bolzenschüssen, Injektionen, Elektroschocks, 90 000 werden es am Ende sein. Abend für Abend sehen die Briten auf allen Kanälen Bilder der Tragödie. Den Bauern verspricht die Regierung Entschädigung. "Was soll das?", fragt ein Schafsfarmer im Fernsehen wütend, "wenn ich nur den Marktpreis vom Schlachttag bekomme?" Die Preise sind drastisch gefallen.

Jede Woche ein Selbstmord

Die Gesellschaft ist in dieser Krise gespalten in Stadt und Land. Alte Klassenkonflikte kommen hoch. Ein Londoner Kabarettist im Hackney Theatre stellt die rhetorische Frage an die Farmer: "Seid ihr auch hier?", nur um selbst mit Spott zu antworten: "Ach so, ihr seid ja alle zu Hause!" Heute müssen die Bauern zu Hause bleiben wie unter Hausarrest - vor Jahren, daran erinnern sich nicht nur die Minenarbeiter, verließen sie ihre Häuser nicht, um mit den streikenden Arbeitern auf die Straße zu gehen.

Natürlich gibt es auch Mitleid mit der farming community. "Die Bauern bei uns sind unglückliche Leute", sagt Andrew Nellis, Manager eines Lebensmittelmarktes in Guildford, Surrey. "Der Druck, viel und billig zu produzieren, ist enorm. Was durch Import ins Land kommt, sticht unsere Produkte oft aus." Die offizielle Statistik bestätigt seine Worte: 20 000 Farmer haben in den letzten fünf Jahren, in denen die Einkommen in der Landwirtschaft um 70 Prozent sanken, ihre Höfe aufgegeben. 350 000 Bauernhöfe gibt es noch, theoretisch alle zum Verkauf, sagt ein Farmer mit zynischem Lächeln. Im Durchschnitt, errechnete die Regierungsstatistik, nahm sich seit BSE, seit 1995 also, in jeder Woche ein Bauer das Leben. Auch in der jetzigen Krise, das erfährt Laurence Matthews als Vorsitzender der National Union of Farmers in Surrey täglich am Telefon, denken viele ans Aufgeben. In der akuten Situation, jetzt, ist die Depression noch nicht so stark. "In etwa sechs Monaten werden Hunderte mehr jegliche Viehzucht bleiben lassen", prophezeit Matthews. Umgebracht haben sich britische Farmer aus Stolz, erklärt er. "Sie ertragen es nicht, unverschuldet aus einem respektablen Leben abzurutschen ins Elend. Ehe sie Sozialhilfe nehmen, gehen sie lieber."

"Was wir hier in der industriellen Agrikultur anstellen, ist der helle Wahnsinn", folgert Tony Juniper, Direktor der Umweltorganisation Friends of the earth. "Wir wollen so wenig Kosten und so viel Ertrag wie möglich aus dem Land pressen und haben alle paar Jahre eine Rechnung wie diese." Die Seuche kostet schätzungsweise zwei Milliarden Pfund, umgerechnet sechs Milliarden Mark. "Unsere Einstellung zur Landwirtschaft muss sich ändern", sagt Juniper.

Angus Stovold aus Shackleford erinnert sich an Landarbeiter, die er früher zum Pflügen angestellt hatte: "Wenn einer ein Nest von einem seltenen Vogel auf dem Acker sah, ist er behutsam drumrum gefahren", sagt er. "Heute pflügen sie drüber, egal was da ist. Einfach drüber."

In England brennen Tausende britischer Kühe, Schweine und Schafe. Auf den Straßen rasen Autos aus Italien, Japan und Deutschland. Das Virus der Seuche kommt aus Asien, das Lammfleisch in den Supermärkten aus Neuseeland, das Obst aus Südafrika, und in Delhi arbeiten 5000 Inder in einem Callcenter für britische Kunden, denen sie am Morgen um sechs "good afternoon" wünschen. In der globalisierten Welt wissen Großbritanniens Farmer nicht mehr, wer sie sind. Nur eins wissen sie: dass sie nur eine Wahl haben - aufgeben oder umdenken.

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