Zeitung Heute : Mobil sein

Wie ein Vater Berlin erleben kann

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Mein Mädchen ist ein mobiles Wesen und obendrein ein schneller Charakter. Das klingt jetzt nicht unbedingt nach einem großen Problem, doch soviel kann ich verraten - es ist eins. Mobilität heisst für sie nämlich, sie muss immer unterwegs sein. Und dabei ist sie wahllos.

„Papa, Auto“, „Papa Zug“, „Papa Straßenbahn“, „Papa Fa’ad, Helm auf“. Kaum beginnt der Tag im Morgengrauen, schon höre ich aus dem Gitterbett die Aufforderung zur sofortigen Fortbewegung. Sogar in die Kita geht sie mittlerweile gerne, wobei für sie wohlgemerkt der Weg das Ziel ist, und am Ziel angekommen, man sich schleunigst wieder auf den Weg machen sollte. Hauptsache weg.

Und nun kommt der schnelle Charakter ins Spiel: Wenn man sich ihren Aufforderungen widersetzt, trotzt sie. Und aber hallo kann sie sich empören. Verglichen mit ihren Tobsuchtsanfällen wirkt ein Trupp Nachwuchsgrüner auf der Castorstrecke in Gorleben wie ein Diplomatenzirkel. Und das ist es, was mir Sorgen macht. Wenn dieser Move des Nicht-Rastens-weil-sonst-rosten ihr ganzes Leben lang anhält, sehe ich schwarz. Man kann ja unserer Generation viel vorwerfen, aber dass wir nicht mobil genug wären, sicherlich nicht. Und wenn das unsere Kinder nochmals potenzieren? Geht gar nicht.

Ich versuchte auf sie einzuwirken, ihr die Glücksmomente des Langsam-Lebens einzutrichtern. Ich kaufte ihr einen Sack Goldfische. Was bei Erwachsenen kontemplativ wirkt, kann doch möglicherweise auch bei Kleinstkindern schon medidativ wirken, dachte ich. Fehlanzeige, sie wollte die Fische essen. Ich ruderte mit ihr über den Neuen See. Auch keine gute Idee, sie wollte von Bord, um sich schwimmend schneller fortzubewegen.

Was also tun?

Nichts. Ich habe beschlossen, mir ihre Rastlosigkeit zu Nutze zu machen. Als kürzlich wieder einer dieser Tage mit „Papa, Zug“ begann, schnallte ich mein Mädchen auf den Fahrradsitz und strampelte zum Kaufhaus. Seitdem ist meine Göre stolze Besitzerin einer Brio-Eisenbahn mit elektrischer Lokomotive. Wobei – stolz ist sie nicht wirklich drauf, als Mädchen kann sie mit einer Eisenbahn wenig anfangen. Ganz im Gegensatz zu mir. Wann immer ihre dünne Stimme „Papa, Zug“, oder „Papa, Straßenbahn“ krächzt, baue ich wortlos die Brio-Bahn zusammen. Große Beruhigung. Leider sagt sie seit kurzem seltener „Papa Zug“.

Und was ist die Antwort auf „Papa, Auto“? Ja, ich habe ein Auto, aber so ein kleiner giftgrüner Peugeot 106 ist nicht unbedingt das größte Fahrvergnügen. 170 schafft er, aber nur bergab, mit Rückenwind und leerem Tank. Also stiefelte ich vergangenes Wochenende zu Sixt und war für ein Wochenende stolzer Besitzer eines BMWs mit doch sehr viel PS.

Wir verstanden uns blendend - das Auto, das Mädchen und ich. Vor allem, als wir auf der Höhe Dessau zum ersten Mal die 200erter Schallmauer durchbrachen. Sie ist eben ein mobiles Mädchen, und auf der Autobahn bin ich ziemlich schnell. Muss an meinem Charakter liegen. Markus Huber

Brio-Eisenbahnen gibt es ab 50 Euro in jedem vernünftigen Spielzeugladen. BMWs mit vernünftigem Motor gibt es bei Sixt für 139 Euro das Wochenende.

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