Zeitung Heute : „Mode ist abhängig vom jeweiligen Land“

Was assoziieren Sie mit Deutschland und Mode?

Ich frage mich, wo die jungen deutschen Modedesigner sind. Deutschland hat eine so reiche ästhetische Geschichte, so viele bedeutende Künstler, Designer und Institutionen wie das Bauhaus. Die Künstler werden in Deutschland doch auch hervorragend gefördert.

Interessiert Sie, was in Deutschland passiert?

Ach, ich bin eigentlich sehr auf Deutschland fixiert. Ich wuchs in Belgien nur 20 Minuten von der deutschen Grenze entfernt auf.

Wie oft haben Sie die Gelegenheit, nach Berlin zu kommen?

Letzten Sommer war ich drei Tage da.

Was war Ihr Eindruck?

Berlin ist heute eine sehr saubere Stadt. Diese ganz besondere gefährliche, attraktive Atmosphäre: das wilde, ungezügelte Leben, der ganze Müll, die verschiedenen politischen Hintergründe. Das scheint nun alles irgendwie vorbei zu sein. Es ist wunderbar, diesen Wandel zu erleben.

Welche deutschen Modedesigner kennen Sie?

Karl Lagerfeld – er wirkt fast so, als sei er aus einem anderen Jahrhundert. Und trotzdem besitzt er zeitgenössische Relevanz im 21. Jahrhundert. Ich kenne keine fünf Namen in der Mode, die das von sich behaupten können.

Sie nennen nicht den wichtigsten deutschen Namen in der Mode …

… weil ich dort arbeite. Jil Sander hat mich am meisten beeinflusst. Jil war in den Neunzigern für den Purismus und die Idee der berufstätigen Frau sehr relevant.

Die Mode in Deutschland ist stark in der Sportswear- und Streetwear verwurzelt, bis hin zur Clubwear, die aus der Technoszene wie Kraftwerk entstanden ist.

Kraftwerk ist Teil meiner Geschichte, meines Lebens. Viele Menschen sehen Deutschland als ein kaltes und abweisendes Land. Mode gilt eher als warm und unterhaltend und weniger ernsthaft.

Wenn andere Journalisten über Sie schreiben, liest sich das oft sehr deutsch.

Wir aus dem Norden nehmen die Dinge wirklich sehr ernst. Die Belgier wurden lange Zeit für ihre Mode kritisiert: zu depressiv, zu geladen, zu ernst. Lange war Mode für mich sehr ernsthaft und tief: Konzept, Psychologie, Sozialverhalten, Gruppen, wie nehmen Menschen sich und ihre Mitmenschen wahr. Als ich vom Industriedesign in die Mode kam, war das für mich essenziell. Doch ich merkte, dass Mode auch etwas Flüchtiges hat, und versuche nun, eine Balance zu finden. Mode ist stark abhängig vom jeweiligen Land. In Italien ist die Mode sehr lässig.

Es geht in Italien unmittelbarer um die Schönheit, um Leichtigkeit und Heiterkeit. Man arbeitet nicht bewusst mit all diesen Codes und dieser Aufladung.

Voilà! Damals habe ich das kritisiert, heute nicht mehr. Auch wenn es auch für mich persönlich nicht so wichtig ist, muss man doch wissen, dass für die übrige Welt der Mode die reine Schönheit genauso bedeutsam ist. Das muss man verstehen, wenn man wirklich etwas in der Welt der Mode erreichen will. Man kann nicht gegen das System arbeiten.

Das Gespräch führte J. Schirrmacher.

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