Mode : Manche mögen’s heiß

Die Gans trägt weiße Socken aus Papier, das Eis ein kokettes Schirmchen – und die Wodkaflasche präsentiert sich im extravaganten Paillettenkleid. Es ist Fashionweek: Von der Eitelkeit auf dem gedeckten Tisch

Pascale Hugues

Manche Speisen sind von geradezu krankhafter Schamhaftigkeit. Sie ertragen es nicht, wenn man sie mitten auf den Tisch stellt und damit den Blicken aller aussetzt. Rasch bedecken sie ihre Blöße mit einem schützenden Gewand, das die Defekte ihrer Haut verbirgt und ihre schlichten Züge herausputzt. Und so kommt es, dass einige Festtafeln an eine Pariser Modenschau erinnern.

Den Anfang machen die Pasteten in ihrem feinen Speckmantel, das Würstchen im Schlafrock. Es folgt der Truthahn oder das Hähnchen, die zarten Beine mit weißen Manschetten verschönert, vielleicht aus Papierspitzen. So kann man das Tier mit den Händen ergreifen ohne sich die Finger schmutzig zu machen. Und außerdem verleihen sie dem gerösteten Fleisch dieses großen toten Vogels etwas Kokettes, fast Mondänes … etwas weniger Animalisches. Man vergisst die grausame Behandlung, die die armen Tiere über sich ergehen lassen mussten, genießt guten Gewissens.

Das Hauptgericht wird von einem Schwarm eleganter Töpfe eskortiert: Senf, Mayonnaise, Meerrettich. Und auch sie zeigen sich von ihrer prächtigsten Seite. Der Hausmachersenf geht nicht ohne seinen traditionellen Korkhut, der Pommerysenf wird von einer knallroten Wachsplakette versiegelt, ein Anklang an seinen aristokratischen Ursprung, und die Gewürzschälchen erlauben sich manchmal sogar ein Tutu aus Pappe, richtige Majoretten. Und mit welcher Hingabe die Desserts einem raffinierten Dresscode folgen: die Zitronensorbets mit den auf ihre prallen Leiber abgestimmten gelben Hütchen, drei Kugeln Eis mit einem pastellfarbenen Papierschirmchen, als wollten sie sich vor zu greller Beleuchtung und zu gierigen Blicken schützen. Unter ihrem Schleier aus weißer Schokolade lassen die Süßspeisen an eine junge Braut denken. Nie gehen die Kuchen ohne ihren Schmuck aus: Silbrige Zuckerperlen, Krokant-Colliers, Spitzen aus dunkler Schokolade, Ketten aus Karamell, Boas aus Schlagsahne … Die Konfitüregläser auf dem Frühstückstisch tragen einen Kopfputz à la Marie-Charlotte, diese mit Rüschen und Spitzen verzierten Nachthäubchen oder Duschkappen. Sie sollen nostalgische Gefühle wecken, die liebenswürdige Welt unserer Großmütter auferstehen lassen. Man vergisst, dass die Konfitüren industriell hergestellt werden, mit kiloweise Zucker und einer schwindelerregenden Liste von Zusätzen und Farbstoffen, die unter dem so hübsch ausstaffierten Glas kleben. All diese Gewänder und Accessoires wollen dem Auge des Essers schmeicheln, den Tisch beleben, das nackte Fleisch kleiden, ein wenig schummeln. Sie sind eigenartig und überflüssig, dekorativ, aber sonst zweckfrei.

Anders verhält es sich mit den Überzügen, die gekochte Eier warmhalten sollen. Sie zeugen für einen nüchternen Alltagsverstand. Sie sind handgestrickt, bestickt oder gehäkelt. Das klassische Geschenk zum Muttertag.

Die gleiche Funktion hat der englische tea cosy: Es soll die Teekanne schön warm halten, während der Tee zieht und das Gespräch um den niedrigen Tisch wogt. Generationen britischer Hausfrauen haben ihre Abende damit verbracht, diese seltsamen Mützen von ergreifendem Kitsch, von unfassbar schlechtem Geschmack zu häkeln oder zu nähen. Besonders ausgefeilte Exemplare sind handbestickt, mit Perlen oder Pailletten besetzt. Die wirksamsten sind mit Schaumstoff und Isoliermaterial ausgestopft, das die Kälte so gut abhält wie ein dicker Polaranorak. Andere besitzen ein Geheimfach, in dem man drei Lavendelzweige oder eine Duftmischung unterbringen kann. Klassiker sind die Stoffe von Laura Ashley oder aus der Provence. Desgleichen die indischen oder afrikanischen Muster, die die versunkene Welt des britischen Empire heraufbeschwören, als man in den Bergen Darjeelings mit anderen Entsandten Tee trank, das Herz schwer vor Heimweh nach dem so fernen Somerset. Manche tea cosies stellen ein Cottage mitsamt Garten dar, andere eine Katze oder ein Schwein, eine Zitrone oder eine Erdbeere, Lady Bird oder Queen Elizabeth, Union Jack oder kastilischer Fächer … Manchmal sind sie von einem dicken Bommel gekrönt, sie sind mit dicken Nadeln gestrickt und erinnern an die Mützen der Rastasänger. Der Schauspieler Billy Connolly sagte gern, dass man keinem Mann trauen könne, der nicht versucht sei, der tea cosy aufzuprobieren, sobald er mit ihm allein gelassen werde.

Der tea cosy gehört zum Inventar der echten Briten wie das Stövchen zu den Ostfriesen. Er ist ein vom Aussterben bedrohter Teil der Volkskultur, ein Stück, das um jeden Preis bewahrt werden sollte, nun, da der Tee to go in seinem isolierenden Pappbecher und die so prosaische Thermoskanne allmählich ihre Vorherrschaft durchsetzen. Aus genau diesem Grund habe ich mich nie von meinem tea cosy getrennt. Schon vor langer Zeit habe ich die albernen Serviettenringe weggeworfen, genauso wie die hässlichen Eierwärmer, die an einem verregneten Nachmittag entstanden, als es nichts Besseres zu tun gab. Doch mein tea cosy begleitet mich seit vielen Jahren und hat alle Umzüge überlebt. Mehrmals habe ich die Teekanne gewechselt. Den tea cosy nie.

Vor langer Zeit habe ich in einer Kleinstadt der Cotswolds Kinder gehütet. In der Nacht vor meiner Abreise blieb Sue, die Hausherrin, die ganze Nacht auf. Bis zum Morgengrauen hörte ich aus dem Wohnzimmer im Erdgeschoss das rasende Tick-tick der Nähmaschine. Um mein Abschiedsgeschenk herzustellen. Sue war von einem kreativen Furor erfasst worden. Bei Sonnenaufgang war mein tea cosy geboren. Ein Patchwork aus kleinen Quadraten, beige und rosa geblümt, die Hülle mit Watte ausgestopft … Inzwischen sieht mein tea cosy aus wie der Reichstag, von einem bastelsüchtigen Christo eingepackt. Der Tee erstickt unter den leicht vergilbten Stoffschichten. Die Watte hat sich in einer Stofffalte zusammengeklumpt. Heute ähnelt mein tea cosy einem nicht mehr ganz frischen Scheuerlappen, ist ein monströser Dorn in der Harmonie meiner Küche, aber nichts wird uns je auseinanderbringen.

Der tea cosy wurde 1867 geboren. Das viktorianische England führte den Afternoon Tea ein, eine besonders günstige Gelegenheit für den Austausch von Neuigkeiten und Klatsch aus der kleinen Welt der Upperclass. Eine Übung in Rhetorik und Bosheit, für die man Zeit braucht. Und inzwischen wird der Tee kalt. Der geniale Erfinder des tea cosy ist unbekannt, doch ihm verdankt das Vereinigte Königreich die Kunst der Konversation.

Der Wein hat die gleiche soziale Funktion wie der Tee. Auf keinen Fall darf die Flasche zu kalt werden oder im Gegenteil ihre Kühle verlieren. Sicherlich haben die Weinflaschen anders als ihre Schwestern, die Teekannen, nicht diese ausgeprägte Neigung zum übertriebenen Outfit. Wenn der Sommelier sie in den prätentiösen Restaurants noch mit einem Smoking von fragwürdigem Geschmack bekleidet – weißes Hemd und schwarze Fliege wie James Bond im Casino –, so trägt sie bei den modernen Weinkennern ein schlichtes Filzgewand, das ihre Zimmertemperatur hält. Eleganter, weniger alltäglich und vor allem diskreter als der Plastikbehälter auf einem Beistelltisch. Nur die Chiantiflasche hat sich nie von ihrer traditionellen Tracht getrennt: ein Strohkorb, der nach Toskana und Ferien riecht. Die Snobs ziehen bei diesem Anblick die Augenbrauen hoch: Diese Verkleidung ist für einen großen Wein doch viel zu lächerlich! Man stelle sich einen Saint Emilion grand cru in einem solchen Aufzug vor!

Über den engsten Familienkreis fegt ein Tornado an schlechtem Geschmack hinweg, ausgelöst durch diese verspielten Flaschenverschlüsse, die die Puristen in Verzweiflung stürzen: vergoldet, als Blume, Engelchen oder Schnecke, als Kerze (der letzte Schrei in den Katalogen der Tafelkünstler: den ganzen Abend über tropft das Wachs an der Flasche herunter), als Goethe oder Mozart und, am schlimmsten von allen: Stöpsel mit den Köpfen wichtiger Politiker. Denken Sie doch mal an eine Flasche Château Margaux, auf der Sarkozys Haupt thront! Da ist mir sogar der Korken lieber, der so albern nationalistisch daherkommt, als gallischer Hahn oder als patriotische Elsässerin aus bemaltem Holz, die meinen Gewürztraminer schmückt.

Aus dem Französischen

übersetzt von

Elisabeth Thielicke

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