Mode : Wäsche für Freaks

Eine lange Unterhose mit Geschichte: Das Wäschelabel Merz b. Schwanen aus Berlin setzt auf Nische und Tradition.

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Mehr als eine Unterhose.
Mehr als eine Unterhose.Foto: promo

Sie lässt sich vorne knöpfen, hinten binden und nur mit Hosenträgern befestigen. Wer denkt, eine lange Unterhose sei eine simple Sache, der hat die „Style 250“ von Merz b. Schwanen noch nicht getragen. Sie verlangt dem Träger einiges ab – insofern er sich nicht ohnehin, wie in den 20er Jahren üblich, täglich Hosenträger anlegt – und kostet 109 Euro. Die lange Unterhose von Merz b. Schwanen ist eine Nische in der Nische. Gefertigt in Deutschland – mit Betonung auf „gefertigt“ und nicht etwa „Made in Germany“ – aus fair gehandelter Baumwolle und mit von Hand angenähten Knöpfen. „Schon was für echte Freaks“, sagt Dirk Thomas, zuständig für Marketing und Vertrieb des Berliner Wäschelabels. Ein Label für Vintage-Fans, so wie ihn selbst und den Herrenschneider Peter Plotnicki, Inhaber und Designer der Linie.

Nicht zufällig beginnt die Geschichte der Wäschelinie auf einem Berliner Flohmarkt. Plotnicki entdeckte dort einen Resteverkauf alter Unterwäsche ohne Markennamen. Er recherchierte und entdeckte so das Erbe von Balthasar Merz. Dieser hatte seine Kleidermanufaktur 1911 im Schwabenland gegründet. Irgendwann war die Manufaktur nicht mehr rentabel und wurde aufgegeben. Plotnicki kontaktierte die Nachkommen, diese freuten sich seinen Angaben nach, dass die Familientradition so wieder aufleben sollte und gaben die Rechte an dem Namen an den Berliner ab.

Die Wäschestücke werden auf traditionelle Weise im schwäbischen Albstadt bei Stuttgart gefertigt, die Strickmaschinen sind zum Teil an die 100 Jahre alt. Zahnräder, die ineinander greifen, Fäden, die durch die Luft laufen: „Diese alten Maschinen sind echte Mechanikwunderwerke“, sagt Dirk Thomas. Um sie zu pflegen, sei eigens ein kundiger Rentner eingestellt worden – allein er könne am Geräusch, dem Singen der alten Maschinen, erkennen, ob zum Beispiel Öl gebraucht werde.

Das Berliner Wäschelabel will Nische bleiben. „Wir hätten nichts davon, die Marke zu verbrennen“, sagt Dirk Thomas und meint damit: Für die Masse zu produzieren. Merz b. Schwanen wird momentan in acht Läden in Deutschland und über den Versandhändler Manufactum verkauft. In neun weiteren Ländern gibt es einzelne Geschäfte, die die Hemden und Hosen anbieten. Maximal könnte das Label rund 80 000 Stück im Jahr produzieren, dann kämen die alten Maschinen an ihre natürlichen Grenzen. „Aber soweit sind wir noch lange nicht“, sagt Thomas und klingt sehr zufrieden.

Merz b. Schwanen produziert in erster Linie Arbeiterhemden. Halbarm, Dreiviertel- und Langarm. Plotnicki lässt sich inspirieren von alten Wäschestücken, die auf einer Stange in seinem Atelier hängen und die er auf Flohmärkten in der ganzen Welt zusammenkauft. Dabei hält er sich relativ eng an die Originale.

Ob so viel Originaltreue nicht irgendwann langweilig wird? „Es gibt noch so viel aus den alten Modellen rauszuholen, da kann einem gar nicht langweilig werden“ , sagt Dirk Thomas. Plotnicki veränderte zum Beispiel die Länge der Arbeiterhemden, die früher tief in die Hose gesteckt wurden und auch der Dreiviertelarm – er hing beim Arbeiten nicht in die Maschine – muss heute mehr und mehr dem Langarm weichen. Thomas spricht zudem von neuen Nähten, Taillierungen und Farben. Farben sind ihr Experiment in dieser – ihrer zweiten – Kollektion, die sie auch auf der Bread & Butter vorstellen. Da gibt es die Unterhose dann in Grün. Für den modernen Vintage-Liebhaber ohne Hosenträger.

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