Zeitung Heute : Moderne Machos

Kostas Murkudis führt vor, wie weit sich Männer vom Reglement der Herrengarderobe entfernen können

Grit Thönnissen

Popstar muss man nicht sein, um die Anzüge von Kostas Murkudis zu tragen – nicht unbedingt jedenfalls. Allerdings wäre es schade, wenn die Innentasche für das Gitarrenplättchen im weißen Jackett leer bliebe. Auch die Polohemden, großflächig bedruckt mit den grob gerasterten Konterfeis von Nick Cave und Blixa Bargeld – nur zu erkennen, wenn man die Augen zusammenkneift – mahnen den stolzen Besitzer, sein Leben nicht vor dem Fernseher zu verplempern.

Ebenfalls zu schade für daheim ist eine Jacke aus leichtem Baumwollstoff, beschichtet mit schillerndem Lack, der eigentlich für die Autoindustrie entwickelt wurde und, mit Verlaub gesagt, an den Glamour von Schmeißfliegen erinnert. Die Uhr allerdings, die zu der kleinen Auswahl von Accessoires gehört, ist nicht für Menschen mit allzu stressigem Terminkalender gedacht: Man kann den Zeiger zwar ticken hören – aber da das Zifferblatt samt Armband mit feinstem Leder überzogen ist, wird aus einem Gebrauchsgegenstand ein reines Schmuckstück.

Wie weit man sich vom allgemein anerkannten Reglement der männlichen Grundgarderobe entfernen kann, ohne Männer deswegen lächerlich aussehen zu lassen, führt Kostas Murkudis mit seiner neuen Kollektion für Frühjahr/Sommer 2005 vor. Bei schmal geschnittenen Anzügen in hellen Sommerfarben wie Weiß und Beige, aber auch in gedeckten Tönen wie Tabakbraun und Anthrazit arbeitet er mit dem Kontrast von festen und zarten Stoffen: Der Oberstoff eines Jacketts ist aus Baumwolle, gemischt mit Hanf und Leinen, um ihm Festigkeit und Struktur zu geben, das Futter aus durchscheinender Mousseline. Auch wenn Murkudis zu seinen Kunden nicht unbedingt den klassischen Partylöwen zählt – ein Bewusstsein für moderne Kleidung setzen seine Entwürfe, wie auch der Baumwoll-Wendepulli für Machos mit Kaschmirbeschichtung oder die körpernahe Jacke aus Nappaleder, unabdingbar voraus.

Auf höchste Schneiderkunst zu verzichten, kommt dabei nicht in Frage. Dazu zählen Details wie per Hand eingenähte Ärmel. All das wird in Deutschland gefertigt – und das bedeutet: Stückzahl runter, Preis rauf. Ein Anzug kostet bis zu 1600 Euro, ein Polohemd, mit vier Farben einzeln bedruckt, 160 Euro. Das durchschnittliche Berliner Publikum scheint Murkudis beim Entwerfen nicht im Sinn gehabt zu haben: „Im lokalen Kontext habe ich noch nie gedacht. Davon könnte man nicht leben.“

Dabei wäre es gar nicht so verkehrt, Kostas Murkudis einen Berliner Designer zu nennen, schließlich ist er hier aufgewachsen und studierte drei Jahre am Berliner Lette-Verein Modedesign. Seine Familie lebt hier, und er hat genug Freunde: „Ich muss nicht auf die Straße, um Leute kennen zu lernen.“ Sein Bruder Andreas führte ihn, oder besser gesagt seine Arbeit, schon vor drei Jahren in Berlin ein. Der ist nämlich Inhaber des wohl wichtigsten Ladens für Designermode, der zurzeit in einem Hinterhof in Berlin-Mitte besteht.

Aber Kostas Murkudis ist nicht mehr Mitte zwanzig und muss nicht mehr davon profitieren, dass Berlin gerade ein wenig hysterisch ein kleines Modewunder erlebt. Murkudis, 44, hatte sein Erweckungserlebnis 1984 als Student, in Paris bei einer Modenschau des japanischen Avantgardelabels Comme-des-Garçons, das ihn weit weg führte von der damals tristen Berliner Moderealität: „Ich war schockiert von der Vielfalt der Schöpfungskraft: 120 Outfits! In drei Schichten übereinander und alles in Schwarz!“ In diesem Moment gab es für Kostas Murkudis zwei Möglichkeiten: Entweder man lässt es gleich bleiben, oder man macht es richtig: „Ich wollte herausfinden, wie man dahin kommt.“

Dass er ein Jahr später Helmut Lang kennen lernte, war eher Zufall. Der Österreicher bereitete gerade seine erste Modenschau vor, und dass er mit seinem minimalistischen Stil einer der einflussreichsten Modeschöpfer der neunziger Jahre werden würde, wusste zu diesem Zeitpunkt noch niemand – natürlich auch Murkudis nicht. „Wir waren ein Zwei-Mann-Team und haben uns gegenseitig animiert. Natürlich war Helmut Lang mir voraus – ich hatte gerade mal ein halbes Jahr bei Wolfgang Joop gearbeitet.“

1994 war Murkudis dann da, wo er hin wollte: Er gründete ein Label unter seinem Namen, zwei Jahre später zeigte er seine Entwürfe endlich bei einer Schau in Paris. Im Jahr 2000 übernahm er den Job als Chefdesigner beim Label New York Industries, das zum italienischen Modeunternehmen Diesel gehörte. Nach der fünften Saison trennte sich Diesel von New York Industries und damit auch von seinem Designer.

Dass Murkudis jetzt zum ersten Mal seit seinem Studium an einer eigenen Linie in Berlin gearbeitet hat, ist also so etwas wie ein Neuanfang auf vertrautem Terrain. Im vergangenen Sommer zeigte er seine Männerlinie auf der Modemesse Premium am Potsdamer Platz – und kam dabei vor allem mit Headhuntern ins Gespräch, die ihn abwerben wollten. Tatsächlich verdient er sich jetzt das nötige Kleingeld für sein Comeback in der internationalen Modeszene bei einer deutschen Modemarke – inkognito, versteht sich.

Dazu kommt ganz aktuell eine Kooperation mit der deutschen Wäschemarke Schiesser. Im Sommer wird die erste Kollektion, bestehend vor allem aus Oberteilen, unter dem Doppellabel Schiesser/Kostas Murkudis vorgestellt. Schiesser investiert dabei nicht in Spitze und Seide, um einen modebewussten Kundenkreis zu gewinnen, sondern in Feinripp und Trikotagen. Für die Murkudis-Linie wird noch einmal in der Qualität draufgelegt: hoch gezwirnter Jersey, mercerisierte Baumwolle, glänzend und glatt wie Seide, auf modernsten Maschinen gestrickt, von denen es weltweit nur zwei Exemplare gibt.

Eigentlich könnte es sich Murkudis also jetzt in Berlin gemütlich machen – er hat ein Atelier in Mitte, seine Männerkollektion hängt ab Montag im Laden seines Bruders in der Münzstraße und seine Mitarbeiter, die er unter anderem aus London und Antwerpen holte, ließen sich nur allzu gerne darauf ein, hier zu leben. „Berlin ist immer noch eine spannende Stadt, und es gibt genug Leute, die sich davon inspirieren lassen. Aber die meisten bleiben nicht, sie nehmen die Infos wieder mit.“ Wie Hedi Slimane, Designer der Männerlinie von Dior, der die gestylte Abgerissenheit Berlins in Pariser Luxus übersetzt.

Es klingt so, als ob auch Kostas Murkudis gerade wieder Anlauf auf die französische Hauptstadt nimmt:„Berlin war eine interessante Erfahrung.“ Aber bei aller Konzentration auf das Produkt sind dem Designer wohl ein wenig die Poesie und Fantasie der Mode abhanden gekommen. „Im Herbst möchte ich eine Frauenkollektion präsentieren, dafür muss ich wieder in die Höhle des Löwen – nach Paris.“

Kostas Murkudis bei: Andreas Murkudis, Münzstraße 21 (2. HH), Mitte.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar