Modetrend : Der Bart zum Mann

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Der Bart ist schwer im Kommen. Etwa sieben Millimeter Barthaar verlassen im Monat das Mannesinnere und drücken durch die Haut zum Licht. Sieben Millimeter, wenn man die mit dem durchschnittlichen männlichen Lebensalter multipliziert, kommt man auf sieben bis acht Meter. Der jemals gemessene längste Bart gehörte Hans Langseth, ein 1927 in den USA verstorbener Norweger: Er trug 5,33 Meter Barthaarlänge. Grundsätzlich aber gilt: Damit man nicht stolpert, rasiert man sich. Auch der Mann, sagen wir, Mitte fünfzig, Brillenträger, kurzes Haar mit weitflächigen Geheimratsecken. Zweimal die Woche, das reicht, unrasiert, sagt man, sieht total männlich aus und total individuell. Nur, dass an Tagen wie den gerade vergangenen, also an Feiertagen, in denen Mann sich eher nachlässig bis gar nicht schabt, irgendwie alle Männer so individuell aussehen. Das ist dann die individuelle Männlichkeitsuniform. Also so etwas wie ein schwarzer Schimmel. Gegen die Uniformität hat der Mann, Mitte fünfzig, Brillenträger, kurzes Haar mit weitflächigen Geheimratsecken, zum Rasierer gegriffen. Total unmodern.

Bart ist in. Nicht jeder Bart. Der Grass-Schnauzer zum Beispiel ist absolut out zur Zeit, bei der aktuellen Hysterie wird dem Grass-Schnauzer bestimmt noch unterstellt, ein typischer Antisemiten-Schnauz zu sein.

Auch ist der Taliban-Bart nicht so gern gesehen. Ansonsten aber, Mann trägt Bart. Promis tragen Bart wie Christoph Walz oder George Clooney, in diesen Fällen auch edel ange- oder voll ergraut, aber auch jede Menge Normalos. Warum? Um irgendwie archaisch rüberzukommen? Dann könnte auch das Nasenhaar und das Ohrhaar sprießen, tut es aber nicht, das muss weg, mitunter schmerzhaft, der Mann, Mitte fünfzig, s. o., weiß, wovon er spricht. Warum also, beim Barte des Propheten? Re-Gendering nennen Soziologen als Leitmotiv zum Bartwuchs. Weil der Mann im Zuge der Frauenemanzipation zum Weichei verkümmert ist, will er, muss er seine Männlichkeit besonders betonen. Der Bart ist also eine Art Protzbeutel im Gesicht. Mithin ein echtes Dilemma, denkt der Mann mit den großen Geheimratsecken. Glattrasur ist einerseits lästig, täglich das ziepende Kratzen auf gereizter Haut, und dann siehts auch noch aus nach glatt rasiertem Kinderpopo, total unmännlich. Aber der Vollwuchs ist noch total unmännlicher. Weil der ja nur so tut, als sei er männlich, in Wirklichkeit aber …, ach Mode ist total doof.Helmut Schümann

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