Zeitung Heute : Möchten Sie Austern, Madame?

Les Menuires, der Retortenort in den Savoyer Alpen, bekommt gefällige Konturen. Wer hier wohnt, will zweierlei: Ski fahren – und gut essen

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Von der Piste direkt ins Hotel – das ist ein Vorzug der Region. Und exzellente Menüs, auch auf 3000 Meter Höhe. Fotos: promo/dpadpa

Ob Nicolas Sarkozy gut Ski fahren kann? „Keine Ahnung“, sagt ein Franzose achselzuckend in der Gondel Roc des 3 Marches. Bei seinem Amtsvorgänger Jacques Chirac aber darf man sich sicher sein: Er beherrscht diesen Sport. Seit Jahrzehnten besitzt der Ex-Präsident ein Appartement in Les Menuires. Und eigens für Skifahrer wurde der 1850 Meter hoch gelegene Ort in den südlichen Savoyer Alpen schließlich angelegt. Zu Beginn der 60er Jahre waren die Baufirmen angerückt, um den von der Regierung entworfenen ehrgeizigen „plan neige“ auszuführen. Günstiger Winterurlaub für alle, war die Devise. Auf Alpenwiesen wurden Betonbauten hochgezogen oder quergelegt, Stützpfeiler für Lifte und Seilbahnen verankert, eine praktische Ladenstraße und überdachte Parkplätze entstanden. Les Menuires wurde zu einem der ersten Retortenorte weltweit. „Aus dem Bett auf die Piste“ – bequemer konnte es für Skifahrer nicht sein.

Praktisch und funktional, loben die einen das Ergebnis, monströs und seelenlos, geißeln es die anderen. „Es ist nicht hässlich bei uns“, ereifert sich Régine Jay Grillot, die Tourismusdirektorin von Les Menuires. Früher hätte man das vielleicht sagen können, aber nun habe sich doch viel verändert. „Anfangs setzte man Hochhäuser hin, wie sie auch in den Banlieues der französischen Großstädte üblich waren. In den 80er Jahren entstanden in Les Menuires niedrigere, gefälligere Appartementblocks, und neuerdings baut man Chalets in Holz und Stein.“ Jede Zeit habe ihren eigenen Baustil, und den könne man im Ort wie in einem Freilichtmuseum studieren. „Erst neulich ist wieder ein Architekturprofessor mit seinen Studenten dagewesen“, sagt Régine Jay Grillot stolz.

Eins haben die neuen und alten Bauwerke gemeinsam: Sie liegen direkt an der Piste. Und so können sich auch die Gäste des Chalet-Hotels Kaya, Baujahr 2006, direkt vor der Tür die Bretter unterschnallen. Einige hundert Meter gleiten sie dann zum Lift oder zur Gondel hinunter, die sie auf mehr als 3000 Meter bringen. Und wenn sie genug haben, sausen sie eben mit der letzten Abfahrt direkt vor den Skikeller des Hotels. Dazwischen liegt ein Tag voller Entscheidungen. Denn, welche Pisten sollen es sein? An den Bergstationen weisen Schilderbäume in alle Richtungen. Im Skigebiet Les Menuires/Saint Martin sind schon 120 Kilometer zu erkunden, doch wer den teureren Trois-Vallées-Skipass in der Tasche hat, kann gar 600 Kilometer befahren. „Les Trois Vallées bilden das größte zusammenhängende Skigebiet der Welt“, sagt Wendy, die kundig durchs Gebiet führt.

Wohin zuerst? Wendy deutet auf den azurblauen Himmel und sagt: Pointe de la Masse. Die Bergstation liegt auf 2800 Meter und erschließt sonnige Hänge mit roten und schwarzen Abfahrten. Zwischendurch mal Tiefschnee gefällig? Bitte sehr, auch „off piste“ ist möglich. Zum Greifen nah ragt die Kappe des Mont Blanc aus der Gipfelkulisse. „Glück gehabt“, strahlt Wendy, denn meist liege er in Wolken. Kein Wunder, dass viele jetzt kurz verweilen, um den 4800-Meter-Riesen mit der Kamera zu fixieren. Normalerweise steht hier niemand herum. Die Wintersportler gleiten aus den Liften und verteilen sich schnell wieder in alle Himmelsrichtungen auf den Pisten, besteigen eine andere Gondel, nehmen in einem neuen Sessellift Platz. 200 Aufstiegshilfen gibt es im Gebiet Trois Vallées.

Seit kurzem kann man in Menuires den Sechser-Sessellift Le Sunny Express besteigen. Vier alte Anlagen ersetzt der 7,2 Millionen Euro teure Lift. Sonst hält man sich mit Modernisierungen sichtlich zurück. Manch ein Sitzpolster zeigt reichliche Gebrauchsspuren, nicht alle Sessellifte haben Schutzhauben, und natürlich gibt es keine Sitzheizungen. Nicht mal in Courchevel, dem St. Moritz von Frankreich. Ist es wirklich so schick in dem Ort mit eigenem Airport? „Schauen wir ihn einfach an“, beschließt Wendy. Acht, neun Lifte und gefühlte 70 Pistenkilometer weiter landen wir im Klischee. Eine blaue Piste führt beschaulich durch einen Wald. In gehörigem Abstand stehen hier Chalets im alpinen Stil. „Diese Villa gehört einem Scheich“, sagt Wendy und deutet auf ein ausladendes Gebäude aus dunklem Holz. Balken, Balkons und Türen sind über und über mit Schnitzereien verziert. „Das hat Unsummen gekostet“, vermutet Wendy. An der Talstation „Courchevel 1850“ posieren drei hübsche Russinnen mit Pelzmützen für einen Fotografen, bevor sie die Pferdekutsche besteigen. Auf einem großen Plakat wird für eine Edeljacht geworben. „Genug gesehen?“, erkundigt sich Wendy. Und schon bringen uns Gondeln hinauf zum 2700 Meter hohen Saulire, zurück in eine glitzerfreie Welt.

Alles ist in Bewegung auf den Pisten – nur mittags zwischen zwölf und zwei wird es deutlich leerer im Schnee. Frankreich speist. Zwar haben viele der Restaurants an den Pisten – die Bezeichnung Hütte passt nicht so recht – auch einen Selbstbedienungsbereich. Einfache Speisen wie Suppen, Spaghetti und Würstchen sind dort gar unter zehn Euro zu haben. Aber vornehmlich französische Urlauber setzen sich – drei Gänge lang – lieber an einen fein eingedeckten Tisch. Während die Eltern tafeln, dürfen die Kleinen mittun. Keine Karte, auf der nicht ein Kindermenü ausgewiesen ist. Im Côte 2000 etwa gibt es für Kinder bis zu zwölf Jahren Salat als Vorspeise, Hacksteak mit Gratin Dauphinoise als Hauptgericht und Eis zum Nachtisch. Zwölf Euro, voilà. Die Spezialität des Lokals aber sind Austern – und sie werden gern und oft bestellt.

Gourmets, denen das nicht genug ist, kehren ein im La Bouitte. Was René Meilleur und sein Sohn Maxime dort in Saint Marcel im Bellevilletal zaubern, hat die Michelin-Tester so begeistert, dass sie gleich zwei Sterne vergaben. Der 35-jährige Maxime, früher eine Größe im Biathlon, vergleicht das Kochen mit dem sportlichen Wettkampf. „Erst will man gut sein, dann sehr gut, dann exzellent, um nichts anderes geht es hier wie dort“, sagt er lächelnd.

Vom Roc des 3 Marches, wo man nachmittags auf der Sonnenseite ist, windet sich eine lange, lange blaue Piste bis nach Saint Martin hinunter. Hoppla, wie sieht’s denn hier aus? Ein hübsches Dorf mit vielen alten Häusern, die rund um eine Kirche gewachsen sind. Das Heimatmuseum ist neu und präsentiert mehr als nostalgische Heugabeln, Bauerntrachten oder die Herstellungsweise des Beaufort, der typische Käse der Region. Es dokumentiert eindrucksvoll, warum es zum „plan neige“ der Regierung kaum eine Alternative gab. In den vierziger Jahren wohnten die Menschen in Saint Martin im Winter oft sogar mit ihrem Vieh unter einem Dach, um es wenigstens ein bisschen warm zu haben. Es mangelte an Brennmaterial, die Bauern waren arm. „Erst 1953 gab es elektrisches Licht im Dorf“, sagt ein Zeitzeuge in einem Informationsfilm und fügt hinzu: „Wir waren lange von jeglichem Fortschritt abgeschnitten.“ Die Folge: Immer mehr junge Leute zogen fort, die Region entvölkerte sich. Erst nachdem Saint Martin Teil der Skiarena geworden war, kehrte sich diese Entwicklung um. Der frühere Schafhirte fand als Liftwart ein gutes Auskommen. Wer einst Wiesen gemäht hatte, machte nun einen Laden auf. „Ohne die Skigebiete wäre Saint Martin ein verlassenes Dorf“, heißt es. Viele Dörfler, die ihr Heil in den Städten gesucht haben, kehrten zurück. „90 Prozent unserer Skilehrer stammen aus der Region“, sagt Régine Jay Grillot zufrieden.

In Les Menuires kann man sogar ins Kino gehen. Aber nach hunderten Schwüngen möchte man spätnachmittags keine Unterhaltung, da will man Wellness. Und wirbt das Hotel Kaya nicht mit seinem kleinen, feinen Spa? Aber, ach: An der Sauna klebt ein erstaunliches Gebotsschild. Männer haben danach Badehose zu tragen, Frauen einen Bikini. Auch die Dampfsauna darf nicht unbekleidet betreten werden. Brav sitzen drei Gäste in Schwimmkleidung auf den schwarzen Basaltsteinen. Im Dampf sucht man den sonst üblichen Wasserschlauch zum Abspritzen der Sitzbänke – und findet keinen. Ebenso wenig wie eine kalte Schwallbrause, einen Kneippschlauch oder gar ein Tauchbecken. Das ist auch im Sportcenter des Ortes nicht anders. Wer Wellnesseinrichtungen wie in Österreich erwartet, wird enttäuscht.

Am nächsten Morgen ist das vergessen. Wendy ist schon da, fährt los – und wir hinterher. Die Pisten um Val Thorens sollen getestet werden. Über all den blauen, roten und schwarzen Abfahrten geraten wir ein bisschen aus der Puste. „Langsam, langsam, Wendy. Wir können in ein paar Tagen nicht 600 Kilometer Pisten schaffen“, flehen wir. Und freuen uns fast, als sich eine dicke Nebelsuppe über die Gipfel senkt. Bei einer Sichtweite unter fünf Metern hat sogar Wendy ein Einsehen „Morgen eben das doppelte Programm“, ruft sie fröhlich, „ihr habt ja bis jetzt kaum was gesehen.“ Niemand wagt es, einen Ruhetag zu erbitten. Das ist was für Warmduscher – und die gehören nicht nach Trois Vallées.

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