Zeitung Heute : Möllemann, geh du voran War Präsident, bleibt Präsident:

Die DAG bleibt JWM treu

Moritz Schuller

Berlin-Kreuzberg, am Freitagabend. Lotti sitzt in der leeren Kneipe am Tresen und bestellt ihr zweites Bier. „Was spaltet Atome und Gemüter“, fragt Günter Jauch, und Lotti macht die Augen eng: „Ich kann nichts lesen.“ Der Kandidat wählt Oggersheim statt Obrigheim. Oggersheim, sagt Jauch nach der Werbung, da kam doch der Kohl her. Lotti legt ihre Füße hoch.

Schräg gegenüber, im großen Foyer einer Krankenkasse, steht Jürgen W.Möllemann hinter einem kleinen Tisch und beantwortet Fragen. Die der Mitglieder der Deutsch-Arabischen Gesellschaft. Geld kann er hier nicht gewinnen, nur alles verspielen: Wählen sie ihn nicht wieder zum Präsidenten – Möllemann hätte ein weiteres Ex-Amt und noch weniger politische Basis.

„Sie können ja Mitglied bei uns werden, dann können Sie an der Hauptversammlung teilnehmen“, hatte Harald Bock, der Generalsekretär der Gesellschaft, am Nachmittag gesagt. „Aber machen Sie sich keine Hoffnung. Da passiert heute nichts, JWM wird wieder gewählt.“ Bock hält offensichtlich nicht viel von Öffentlichkeit. Dass aus dem pro-arabischen Lobby-Verein, in dem ein paar Bundestagsabgeordnete sitzen, ein Hort anti-israelischer Hetze wurde, das sieht er als Kampagne der Presse. Es war auch sehr schnell gegangen: Jamal Karsli, ein Mitglied der Deutsch-Arabischen Gesellschaft, hatte im letzten Frühjahr Israel „Nazimethoden“ vorgeworfen, und weil Möllemann den Syrer unterstützte, galt die Gesellschaft bald als Jubelverein für dessen populistischen Krawall. Dann wurde Vizepräsident Christoph Moosbauer von der SPD aus dem Amt gedrängt, und an Möllemanns Flyer gegen Scharon und Friedman war auch alles in Ordnung: Der transportiere nicht „antisemitische Tendenzen“, schrieb Bock damals, sondern richte sich „gegen die intransigente Politik des gegenwärtigen israelischen Premierministers“.

Die Reihen sind geschlossen. Vielleicht 200 Mitglieder der Gesellschaft sitzen im neon-hellen Raum, viel mehr Männer als Frauen, vor allem Deutsche. Jamal Karsli ist auch dabei. Ein konzentriertes Publikum, keine Dämonen im Dunkeln, nicht anders als bei einem Urania-Vortrag über die Schönheit des Zweistromlandes. Antisemiten oder mutige Freunde eines unterdrückten Volkes? An diesem Abend sind sie vor allem die Richter ihres Präsidenten. Und der hat sich bereits warm geredet, erzählt von einem Treffen mit Arafat und davon, dass selbst Lea Rabin sagt, die israelische Regierung vernichte das Erbe ihres Mannes. Möllemann, dem gerade erst ein Melanom entfernt wurde, redet im Stehen, energisch, aber nicht aggressiv. Aus dem Publikum keine Reaktion, kein Klatschen. „Sie sind noch kein Mitglied?“, fragt eine junge Frau. „Nein, dann müssen Sie draußen warten.“

Irgendwann tritt eine Frau auf die Blücherstraße heraus und zündet sich ein Zigarette an. „Noch nichts Aufregendes passiert.“ Die Bonnerin ist seit 20 Jahren Mitglied der DAG. „Die ist ja mal von Wischnewski gegründet worden, wissen Sie.“ Eingetreten sei sie damals wegen der Kultur. „Dass da inzwischen so wenig geschieht, schiebt Möllemann aufs letzte Jahr. Aber in Wirklichkeit läuft kulturell schon seit fünf Jahren nichts mehr.“ Sie drückt die Zigarette aus und steckt den Stummel in die Tasche.

Um kurz vor zehn Uhr heben die Mitglieder dann ihre grünen Stimmzettel: Von 163 Stimmberechtigten, so heißt es, hätten nur zwei gegen Möllemann gestimmt, bei fünf Enthaltungen. Harald Bock hatte recht, es passiert nichts: Die Deutsch-Arabische Gesellschaft verhilft dem umstrittenen Politiker auf ihrer Hauptversammlung zu einem ersten Comeback. „Marschall Vorwärts“ hatten die Russen den Preußen Blücher genannt, und als Präsident Jürgen W. Möllemann am späten Abend in Kreuzberg hinaus auf die Straße tritt, weiß er, wie es vorwärts geht: Morgen wird er wieder ein paar Fragen beantworten, diesmal die der liberalen Landtagsfraktion. Die will ihn nämlich ausschließen.

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