MOMENT Aufnahme : Der Russlanddeutsche

Wie Gerhard Schröder eine Diskussion in Werbung für russisches Gas verwandelt

Axel Vornbäumen

Es macht keinen Sinn, so zu tun, als könne man sich Gas backen, sagt Gerhard Schröder, und da weht an diesem ansonsten weitgehend staubtrockenen Abend zum ersten Mal ein wenig Heiterkeit durch die wuchtige Halle der Botschaft der Russischen Föderation. Ein typischer Schröder-Satz ist das, mit allem Drum und Dran, mit dezenter Flapsigkeit und ordentlichem Basta-Anteil. Wer nun noch widersprechen will, der muss sich als energiepolitischer Naivling outen. Oder, schlimmer noch, als hartleibiger Russlandskeptiker. Beides ist Gerhard Schröder definitiv nicht.

Er war mal Autokanzler. Nun ist er der Erdgasaltkanzler, eine Art Cheflobbyist der Pipeline-Branche, jedenfalls Aufsichtsratsvorsitzender des russisch dominierten Konsortiums Nord Stream. Der Job vereint ansprechende wirtschaftspolitische Brisanz mit einem üppigen Salär. Es ist, er selbst würde wohl sagen: eine „ganz vernümpftige“ Verquickung von gestern und heute geworden, zumindest was ihn selbst angeht, auch wenn Schröder das sicherlich als zu kurzsichtig geurteilt empfinden würde. Denn da ist noch der strategische Dienst, den Schröder als, nun ja, Russlanddeutscher seinem energiearmen Heimatland erweisen möchte: Russland hat die Energiereserven, die Deutschland braucht, langfristig, Tendenz steigend. Die Rede ist von demnächst benötigten 200 Milliarden Kubikmetern. Zusätzlich!

Er hat das Gefühl, dass da noch ein wenig Überzeugungsarbeit geleistet werden muss bei der Mehrheit des Volkes. Eigentlich liegt ihm das ja, ackern, allein auf weiter Flur. Mit Nord Stream gegen den Mainstream. Gas backen, also bitte, geht eben nich’.

An diesem Mittwochabend ist Gerhard Schröder auf Einladung des „Zeit-Forums der Wirtschaft“ jedenfalls nicht nur körperlich an der Seite von Russlands Botschafter Wladimir Kotenjew, nein, da ist auch schon mächtig viel Seele dabei. Der Abend steht unter dem Motto „Die russische Herausforderung“, aber worin die genau bestehen könnte – also wirklich, keine Ahnung. Auf dem Podium wissen das die mitdiskutierenden Eggert Voscherau (stellvertretender Vorstandsvorsitzender der BASF) und Hans-Jörg Rudloff (unter vielem anderen: Chairman von Barclays Capital London) auch nicht. Voscherau lobt aus eigener Erfahrung die russische Vertragstreue über den grünen Klee, Rudloff hält die Ängste, die einer globalen Verflechtung mit russischer Beteiligung im Weg stehen, für absurd.

Schröder sowieso.

Es ist ja nicht so, dass die noch lebenden Altkanzler nicht allesamt ihr Faible hätten. Helmut Kohl gibt bei sich bietender Gelegenheit gerne den überzeugten Europäer. Helmut Schmidt interessiert sich sehr nachhaltig für China. Gerhard Schröder aber hat die Positionen Putins anscheinend so kräftig inhaliert, als zöge er an seiner geliebten Havanna. Europa, sagt Schröder, „sollte das unterlassen, was als Eindämmung Russlands begriffen werden könnte“.

Er ist nun elder statesman, Weltstaatsmann. Er benutzt gern die Passivkonstruktion – begriffen werden könnte … –, das klingt abgeklärter, auch gewichtiger. Und wo er nun schon mal dabei ist, auf internationalem Terrain sozusagen, da kann er auch auf den Spuren Helmut Schmidts wandeln. Der hat gerade in hanseatisch- barschem Ton die Installation von US-Radarstationen in Tschechien als „Programm zur Durchsetzung der amerikanischen Vorherrschaft“ gegeißelt. Besser, sagt Schröder, hätte er das auch nicht formulieren können.

Seine Maßstäbe haben sich da so sehr nun auch wieder nicht verrückt, seit seinem Ausscheiden aus dem Regierungsamt, was den kritischen Blick auf die USA stets beinhaltet und sich in der neuen Position gut macht. Die Maßstäbe anderer womöglich schon. Dass in Sachen energiepolitischer Verlässlichkeit auf europäischer Ebene dem Iran gegenwärtig ganz offenkundig ein stärkerer Bonus eingeräumt werde als Russland, das will nicht in seinen Kopf. Links von ihm, zwei Stühle weiter, nickt Botschafter Kotenjew mit dem Kopf. Dem geht das ganz genauso.

Und die „russische Herausforderung“? Wahrscheinlich ist es die Frage, wie viel gegenseitige Abhängigkeit voneinander man jeweils zulassen will, Schröder nennt es: Verflechtungen. Dann sagt er: „Wenn man wirklich Unabhängigkeit will, dann muss man auf regenerative Energien setzen.“

Aber das ist ja nun wirklich nix Neues. Das hat er schon gesagt, da war er noch Autokanzler.

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