Zeitung Heute : Momper hat Lust aufs Regieren - aber die Koalition soll bis 1999 halten

BRIGITTE GRUNERT

KREUZBERG .Walter Momper und seine Frau sind auch da.Er weist auf seinen roten Schlips mit den grünen Punkten.Ganz recht, es ist der, den ihm Anfang 1989 kurz vor dem rot-grünen Sieg in Berlin der britische Verbindungsoffizier geschenkt hatte.Ahnte er die Siegesfeier im Willy-Brandt-Haus? Oder denkt er ein Jahr voraus? "Irgendwann muß ja die Berliner SPD auch dazulernen", sagt er.Ob er Lust hat, Eberhard Diepgen zum zweiten Male aus dem Sattel zu heben? "Lust habe ich immer", meint er belustigt.Und Ehefrau Anne scheint nicht mehr sehr dagegen zu sein: "Er soll machen, wie er denkt."

Knapp eine halbe Stunde vor Schließung der Wahllokale kennen die Großkopfeten schon den Prognose-Trend und bringen ihn per Flüsterpropaganda unter die Leute."Aber ich will das alles erst einmal selber sehen", sagt Thomas Krüger, scheidender Bundestagsabgeordneter und ehemaliger Senator: "Wir fangen mit der Übertragung des ZDF an, die liegen immer am sichersten." Er ist der Conferencier.Als die erste Hochrechnung die Prognose bestätigt, geraten die Sozialdemokraten vor Überschwang aus dem Häuschen.So rauschend hatten sie sich den Sieg denn doch nicht vorgestellt.Auf Senator Peter Strieders Krawatte blühen tausend bunte Blumen.Nur die PDS findet er "Mist", aber: "Vier Stimmen Vorsprung für Rot-Grün, das reicht doch schon."

Die einen wollen bloß jubeln, weil der Abend doch "supersensationell" ist.Die anderen denken an die 13 Monate bis zur Berliner Wahl.Jetzt sollen ihnen rot-grüne Flügel wachsen."Das ist eben der Ernst der Lage", sagt Parteichef Detlef Dzembritzki nüchtern.Über den Spitzenkandidaten wird spekuliert.Fraktionschef Klaus Böger, Umweltsenator Strieder, oder der Ex-Regierende Momper? Nur in einem sind sich alle einig, die man fragt: Bis Ostern soll der Spitzenkandidat gefunden sein.Über das Verfahren - Nominierung mit oder ohne vorgeschaltete Mitgliederbefragung - will der Vorstand am 7.Oktober beraten."Bei diesem Ergebnis auf Bundesebene gibt es hier keine SPD-internen Turbulenzen", prognostiziert Strieder.Jetzt müsse auch die Berliner SPD lernen, geschlossen und selbstbewußt aufzutreten, meint einer.Und Eberhard Diepgen müssen ein bißchen die Ohren klingen."Er ist ein Hindernis für die CDU", heißt es auf einmal.Und Momper findet: "Insgesamt 14 Jahre Diepgen sind auch eine lange Zeit." Na ja, er will nicht alles kleinreden, was die Große Koalition hier getan hat."Ich bin der letzte, der das täte."

Also: Für die Große Koalition wird es in Berlin überhaupt nicht leichter, aber halten soll sie bis Oktober 1999.Bis dahin hat die SPD auch programmatisch voll zu tun: Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik, Sozialpolitik, innere Sicherheit, Modernisierung - alles Themen, die beherrscht sein wollen, damit man mit ihnen in den Wahlkampf ziehen kann.

Und wer wird Nachfolger von Arbeitssenatorin Christine Bergmann? Hat noch ein paar Wochen bis zur Ministerliste Zeit.Ingeborg Junge-Reyer, Kreuzberger Sozialstadträtin und Landeskassiererin der SPD bekundet verhalten ihr großes Interesse, doch wer weiß.Sie ist eine Westfrau, und vielen wäre wieder eine Ostlösung lieber.

Die Jusos und ihre Kollegen vom jungen Wahlkampfteam brüllen sich siegestrunken heiser und rauchen dicke Zigarren dazu.Was Schröder kann, können sie auch.Oder?

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