Zeitung Heute : Monaden huschen über die Bühne

SANDRA LUZINA

Die Architektonik des Körpers - "Bodyscape-s: Shifting Stills" von Dance Energy im Hebbel-TheaterVON SANDRA LUZINA "Nachts haben wir einen anderen Körper", schrieb der portugiesische Dichter Al Berto.Der Münchner Choreograph Micha Purucker, Leiter der Gruppe "Dance Energy", geht noch weiter.In seiner neuen Produktion "Bodyscape-s: Shifting Stills", die im Rahmen des Tanz-Winters im Hebbel-Theater zu sehen ist, geht er von der Voraussetzung aus: Wir leben in einer Vielfalt unterschiedlich konstruierter Räume.Mit den sich wandelnden Um-Räumen verändert sich auch die Körperwahrnehmung.Der Körper reagiert auf permante Veränderungen des Kontextes; daraus resultieren physische und mentale Landschaften.Da ist der akustisch-musikalische Kontext, in den der Tanz eingebettet wird - stampfende und hypnotisierende Technoklänge sowie eine Collage aus Alltagsgeräuschen.Zudem schuf Michael Kunitsch ein Licht-Environment aus unterschiedlichen Lichtquellen. Die Artikulation von Raum zielt auf den Theaterraum, auch den Zuschauerraum, der nun neonhell erstrahlt.In den neu definierten Raum finden nur wenige Zuschauer Einlaß.In kleinen Gruppen finden sie sich verstreut, ein gemeinschaftliches Erlebnis hat Purucker offensichtlich nicht im Sinn.Um die Wahrnehmung zu schärfen isoliert er die Betrachter.Die unüberbrückbare Distanz schwingt als untergründiges Thema in der Bewegung mit. Purucker ist weniger an den formalen Eigenschaften der Bewegung interessiert.Wie der Name "Dance Energy" verrät, steht bei ihm der energetische Aspekt im Vordergrund.Licht-Bahnen durchschneiden den Bühnenraum, Raum-Achsen werden von der Tänzerin markiert, doch die Architektonik von Raum und Körper wird nur angedeutet, um daraus auszubrechen.Immer wieder finden sich Abweichungen von der vertikalen Ausrichtung; die Bewegung verläuft auf irregulären Bahnen, ist mal tastend, dann explodierend.Körpergrenzen, der unmittelbare Körper-Umraum werden definiert; ansonsten wirkt der Tanz räumlich unbestimmt.Vorgeführt wird eine Selbst-Artikulation, die bei sich bleibt, nicht ausstrahlt. Purucker zielt ab auf eine planmäßige Vagheit, die zwar reizvoll ist, manchmal einfach beliebig wirkt.Der Körper erscheint nicht als feste Substanz, auch die Bewegung wirkt nicht definiert.Wahrnehmbar ist eine Verflüssigung und stetige Veränderung der Bewegung, ein Schwanken zwischen den Polen bewegt und unbewegt, stabil und instabil, ein lustvolles Spiel mit der Schwerkraft und der Schwere des Körpers.Der Tanz hat keinen angestammten Ort, kann auf keine feste Ordnung mehr zurückgreifen, doch beunruhigend wirkt dies nicht. Drei Soli von drei Frauen werden vorgestellt - doch die Figuren bleiben ungreifbar, körperliche Landschaften, territoriale Verschiebungen gar werden hier nicht vermessen. Wenn Purucker die Tänzerinnen aber zusammenführt, dann wirken sie wie manipulierte Spielfiguren.Als ob sie unsichtbaren Anweisungen gehorchten, wechseln sie ihre Position im Raum.Der Blick ist ins Leere gerichtet, kein Ausweichen oder Annähern, keine Konfronation oder Kollision.Purucker streut die Aktionen, anstatt sie zu verdichten.Das wirkt nicht nur auf intendierte Weise zufällig, sondern verläppert sich zum Leerlauf.Spät macht Purucker sich daran, zu bündeln, ein gemeinsames Energiefeld zu schaffen.Keine planmäßig herbeigeführte Desorientierung sorgt für Irritationen; hier sieht man nur fensterlose Monaden über die Bühne huschen.

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