Zeitung Heute : Monolithisch

VOLKER STRAEBEL

Michael Gielen dirigiert Werke von Feldman und BerioVOLKER STRAEBELParis hat es besser.Der Große Saal der Cité de la musique war bis auf den letzten Platz gefüllt, als Michael Gielen mit seinem Südwestfunk-Sinfonieorchester und dem Rundfunkchor Berlin vor wenigen Tagen Werke von Morton Feldman und Luciano Berio aufs Podium hob und dafür begeistert gefeiert wurde. In Berlin hingegen strömt das Publikum ins Weihnachtsoratorium und zu anderen Veranstaltungen saisonaler Besinnlichkeit, findet jedenfalls nicht den Weg ins schinkelsche Konzerthaus zu diesem aufsehenerregenden Programm Neuer Musik. Wer sich doch hierher verirrt, den haben Lehrer hingeschickt, oder der hat sich von dem fünfminütigen Bachfragment "Nun ist das Heil und die Kraft" auf der Ankündigung blenden lassen, das Gielen in diesem Kontext als lärmendes Barock bloßstellte.Irgendwann wird es dem Berliner Publikum gewiß gelingen, solch bedeutende musikalische Gäste endgültig zu vergraulen, mit seiner Ignoranz und seinen affektiert tuschelnden alten Damen. Doch zur Musik.Mit "Coptic Light", Feldmans letzter Komposition für großes Orchester, begann der Abend mit dem filigran geschichteten chromatischen Total, das sich langsam in klangsinnlich instrumentierten Pendelbewegungen dissoziiert.Das SWF-Orchester gefiel mit feiner Diktion und sanften Einsätzen, womit es die permutierende Partitur in einen hoch differenzierten Klangstrom überführte. Vom Analytiker Gielen hätte man jedoch mehr Aufmerksamkeit bei der rhythmischen Präzisierung des Geschehens zum Ende hin erwartet.So wurde der für Feldman geradezu atemberaubend schnellen musikalischen Entwicklung die Schärfe genommen, dafür aber ein eher versöhnlicher Blick auf die schillernde Oberfläche ermöglicht. "Chorus and Orchestra II" entstand während Feldmans DAAD-Aufenthalt in Berlin 1972 und zeugt von der Suche des Komponisten nach neuen Formdispositionen.Von Generalpausen durchbrochene Passagen wechseln mit Abschnitten zunehmender Verdichtung.Der achtstimmig agierende Rundfunkchor fand wacker seinen Weg durch die horrend anspruchsvolle Vocalise, während die Sopranistin Barbara Hannigan sich von ihrer Partie schlicht überfordert zeigte. Leider ließ auch der Ensemblegeist zu wünschen übrig, und erst nach dem letzten dunklen Klaviereinsatz entfaltete sich die konzentrierte Spannung, der diese Musik unbedingt bedarf. Das jüngste Werk des Abends, Berios im Mai uraufgeführtes Doppelkonzert für Klarinette, Viola und Orchester "Alternatim", entpuppte sich als kompositorisch ältestes.Der ritornellhafte Wechsel von mit Paul Meyer und Christophe Desjardins glänzend besetztem Solistenpaar (wann hörte man zuletzt solch einen perfekt gestalteten, skulptural anmutenden Klarinettenton?) und vergleichsweise behäbigem Apparat trug nicht über die knappe halbe Stunde des Werkes. Natürlich hat Berio in meisterlichem Satz seine Solisten zu geschwätziger Gegenrede angehalten, natürlich zeugt die Orchestrierung von profunder Kenntnis und Originalität, doch muß alles als leere Aufgeregtheit erscheinen, was Feldmans monolithischem "Coptic Light" die Stirn bietet.

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