Zeitung Heute : Moral-Trash

SIMONE MAHRENHOLZ

Getümmel im Walde: "The Gingerbread Man" von Robert AltmanVON SIMONE MAHRENHOLZDa ist sie wieder, die typische Hollywood-Geschichte: Ein erfolgreicher Anwalt läßt sich von einer schönen Frau verführen und verliert dadurch alles - Reputation, Kinder und beinahe das Leben.Daß ausgerechnet Regisseur Robert Altman sich diesen Drehbuch-Trash von Massenauflagen-Autor John Grisham andrehen ließ, ist schwer verständlich, ist Altman doch bekannt für wesentlich vielschichtigere Plots.Einziges Ziel der Altman-Grisham-Allianz scheint zu sein, statt Komplexität so viel kontrollierte Unübersichtlichkeit herzustellen wie möglich.Hat man diese einfache Strategie erst einmal raus, wirkt Altmans inszenatorische Brillanz schnell flach: Der erfolgreiche Anwalt Rick Magruder (Kenneth Branagh) feiert auf einer Party seinen neuesten Triumph: einen Freispruch für einen Polizistenmörder.Am Ende dieser Party lernt er die schöne Mallory Doss kennen (Embeth Davidtz), die er in einer bedrohlichen Situation nach Hause bringt.Obwohl abweisend, steht sie plötzlich nackt vor ihm.Tja, Frauen! Was kann man da tun? Am nächsten morgen kommt sie verstört in sein Büro: Ihr verrückter Vater bedroht sie.Rick, ganz Beschützer, läßt ihn in eine psychiatrische Anstalt einweisen - ein Fehler.Der schwer Gestörte bricht aus, und bedroht von nun an Ricks Kinder, von denen er getrennt lebt und die der erschrockene Vater vorsichtshalber erstmal selbst entführt.So weit die Hauptfiguren, von denen vor allem Brannaghs gereiztes Whisky-Kauen besondere Hervorhebung verdient.Zu den zahlreichen Nebenfiguren gehören ein dauer-alkoholisierter Privatschnüffler (Robert Downey Jr.), Ricks attraktive Anwaltspartnerin (Daryll Hannah) sowie Ex-Ehemänner und Ex-Ehefrauen.Wir befinden uns im schwülen Savannah, das uns entweder nachts oder im Dauerregen präsentiert wird.Ein Hurrikan zieht auf - unverhohlene Metapher für Ricks "Suche nach der Wahrheit".Nach welcher Wahrheit? Egal.Nur eins war Grisham-Altman wichtig: daß "nichts so ist, wie es auf der Oberfläche scheint".Brillant! Schon wegen der Überraschungseffekte! Hat das Getümmel noch irgendein Ziel? Ja.Ein pädagogisches, wir sind ja in Hollywood.Merke: Man sollte nicht Anwalt werden, keinen Polizistenmörder anfassen, sich nie scheiden lassen, nicht mit mehreren jüngeren Frauen freundliche Konversation machen und regelmäßig den Gottesdienst besuchen.Dann kann das Leben eigentlich ganz schön sein. Heute 22.30 Uhr (Zoo Palast), morgen 15 Uhr (Royal) und 23.30 Uhr (Urania)

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