Zeitung Heute : Moralischer Kompass

Wolfgang Schäuble

TRIALOG

Neue Jahre haben etwas Ambivalentes: Zum einen erzeugt das Neue bei vielen Menschen Unsicherheiten und Ängste. Zum anderen bietet jeder Beginn, jedes neue Jahr auch neue Chancen zur Gestaltung.

Auf Immanuel Kant, der das politische Gesicht einer ganzen Epoche dauerhaft beeinflusst und einen Neuanfang gewagt hat, nahm Antje Vollmer in ihrer letzten Kolumne Bezug. Ob Kant ihren Ausführungen zur Menschenrechtsproblematik und zu den Kriegsgründen im Irak tatsächlich zustimmen würde, da habe ich meine Zweifel, aber an der Aktualität seines Denkens ändert das nichts.

Kants Überlegungen zum Weltbürgerrecht zeigen, dass man den Schritt von der Überwindung des eigenen, begrenzten Horizonts hin zu einem wahrhaft globalen Denken zunächst im Kleinen, und zwar im eigenen Kopf, vollziehen muss. Dazu bedarf es neben der Anstrengung des eigenen Denkens eines inneren Kompasses, den Kant das „moralische Gesetz“ nennt. Ohne moralische Grundstandards wird die Welt nicht sicherer, das Zusammenleben der Menschen nicht friedlicher. Von Kant stammt denn auch der berühmte Satz, der es zum Jahreswechsel auf das Titelbild einer großen deutschen Wochenzeitung gebracht hat, was sicherlich nicht gegen dessen Aktualität spricht: „Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.“

Bemerkenswert erscheint die Kombination: Die Gestaltung der Welt und das moralische Gesetz hängen aufs Engste zusammen. Gerade die kriegerischen Ereignisse des letzten Jahres haben gezeigt, dass Menschen auch im 21. Jahrhundert ohne ein moralisches Fundament nicht friedlich zusammenleben können.

Eine entscheidende Voraussetzung für ein friedliches Zusammenleben scheint mir zu sein, dass die Durchsetzung jeder Ordnung mit Respekt für kulturelle, historische und politische Verschiedenartigkeit und mit einer konsequenten Menschenrechtspolitik verbunden wird. Woran es uns oftmals fehlt, sind der nötige Wille, die Koordination und das notwendige Maß an abwägender Vernunft und Mut. Eine weitere Voraussetzung für ein funktionirendes Zusammenleben in der Gesellschaft ist das Engagement eines jeden Einzelnen, in Schule, Kirchengemeinde oder Stadt. Gesellschaftliche Dynamik geht stets von der kleinsten Einheit aus, der Familie, der Nachbarschaft, dem Verein. Hier entstehen mit individuellem Engagement Chancen und Möglichkeiten für die Ausgestaltung der eigenen Freiheit.

2004 sind wir als Bürger unseres Landes mehr denn je Teil einer westlichen Schicksalsgemeinschaft, die sich mit allen Chancen auch neuen Bedrohungen ihrer Freiheit ausgesetzt sieht. Freiheit kann nur gestalten, wer sich durch Ängste nicht lähmen lässt und sich engagiert. Dies gilt mit Blick auf die Reformen in Deutschland wie auch außenpolitisch. Neue Anfänge sind stets Wagnisse, die aber gerade der, der vernünftig ist, auch 2004 riskieren wird. „Wage, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“, so beschreibt Kant das Motto der Aufklärung. Wer dies wagt, ohne sein eigenes moralisches Fundament zu verlassen, hat alle Chancen für einen gelungenen Neuanfang. Mit welcher Perspektive? Nachzulesen in Kants Schrift „Zum Ewigen Frieden“.

Der Autor ist Präsidiumsmitglied der CDU.

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