Zeitung Heute : Mord auf offener Bühne

Wie eine russische Tageszeitung die Aufklärung der Moskauer Musical-Tragödie in Bewegung hält

Elke Windisch[Moskau]

Die graugrünen Vorhänge machen den Moskauer Januartag hier drin schon um halb zwei stockdunkel. Außer dem Computerbildschirm gibt es nur zwei Lichtpunkte im Raum. Die Augen, die einem hageren Mittvierziger gehören, Sergej Sokolow, stellvertretender Chefredakteur der Zeitung „Nowaja Gaseta“. Gerade nervt wieder das Handy mit der Verballhornung von Tschaikowskis „Tanz der kleinen Schwäne“. Seit Altstalinisten im August 1991 gegen Gorbatschow putschten, ist das Stück für die Moskauer alles andere als Klassik. Das selbst ernannte „Notstandskomitee“ hatte das sowjetische Staatsfernsehen damals angewiesen, statt Nachrichten Unverfängliches zu senden: Schwanensee.

Mit einer Nachrichtensperre hat die russische Staatsanwaltschaft bis auf weiteres auch Sergej Sokolows Zeitung belegt. Wegen der Bombe, so sagt er es, die das letzte regierungskritische überregionale Blatt Russlands Anfang Dezember zündete. Auf drei Seiten waren Fotos zu einer bisher unbekannten Episode des Moskauer Geiseldramas im Oktober 2002 abgedruckt. Über 700 Menschen – Besucher und Mitwirkende des Musicals „Nord-Ost“ – waren vier Tage lang in der Hand tschetschenischer Terroristen. Beim anschließenden Sturm des Gebäudes starben 129 Besucher und 41 Geiselnehmer. Es ist bis heute ungeklärt, warum es so viele Tote gab.

Die Fotos zeigen, wie ein Mann in Handschellen mit dem Gesicht nach unten aus dem Theater geschleift wird. Draußen tritt eine Frau in schwarzer Jacke mit weißer Armbinde hinzu, zieht eine Pistole, schießt auf den Gefesselten und senkt den Arm wieder. Das Ganze dauert 20 Sekunden. So zeigt es der Timecode eines Amateur-Videobandes von insgesamt über sechs Stunden, von dem der „Nowaja Gaseta“ eine Kopie überlassen wurde. Von diesem Band stammen die Fotos.

„Bisher löst das Band keine Rätsel, sondern gibt neue auf“, sagt Sokolow. Wenn der Mann in Handschellen ein Terrorist war, warum wurde er dann erschossen? Tote können nicht mehr als Zeugen vernommen werden, nichts sagen zu den Hintermännern und dem Hergang. Und warum hat man ausgerechnet diesen einen Mann draußen vor dem Konzerthaus erschossen, und die anderen Terroristen zur gleichen Zeit drinnen im Saal, so wie Sokolow es auf einem anderen Videoband gesehen haben will.

Eine Kopie der Kopie des Bandes hat die Moskauer Staatsanwaltschaft inzwischen den Nord-Ost-Ermittlungsakten hinzugefügt. Sokolow, er zündet sich am Stummel der aufgerauchten Zigarette gerade eine neue an, wurde als Zeuge geladen. „Wenn wir beweisen können, dass die Bombe echt ist, muss der ganze Fall von vorn aufgerollt werden“, sagt er.

Ihm gegenüber, sagt Sokolow, hätten die Ermittler den Erschossenen als Helfer der Terroristen bezeichnet, der angeblich sogar identifiziert wurde. Im Sommer. Obwohl sämtliche Geiselnehmer gleich nach dem Drama Ende Oktober 2002 eingeäschert wurden. Das ist eine in Russland unübliche Form der Bestattung.

Was glauben Sie, Herr Sokolow, warum wurden sie verbrannt? Um später einmal eine Exhumierung zu verhindern, sollte der Fall irgendwie und irgendwann neu aufgerollt werden? „Ich spekuliere nicht“, sagt Sokolow und zündet sich schon wieder eine Zigarette an. „In diesem Fall ist das ohnehin müßig, denn der Erschossene ist offenbar nicht der, für den die Ermittler ihn ausgeben.“ Dessen vermeintliche Familienangehörige konnten auf dem Band, dass die Journalisten ihnen zeigten, keine Ähnlichkeiten zu jenem Mann feststellen, der seit Ende Oktober vergangenen Jahres vermisst wird. Und es wohl auch bleiben wird. Denn die Staatsanwaltschaft möchte Putin bei den Ermittlungen noch vor den Präsidentenwahlen Mitte März Vollzug melden. Sokolow ist sich nicht ganz sicher, ob die „Nowaja Gaseta“ darüber noch wird berichten können oder bis dahin womöglich selbst vor Gericht stehen wird.

„Ein Prozess“, sagt Sokolow und drückt die siebte Kippe im Ascher aus, der vor einer Stunde noch ganz leer war, „ist in einer gelenkten Demokratie wie der russischen das sicherste Mittel, sich kritische Medien vom Hals zu schaffen.“ Mit Klagen wegen Ehrabschneidung, bei denen der Streitwert häufig bei mehreren Millionen Dollar liegt. Allein die „Nowaja Gaseta“ sah sich im letzten Jahr mit Forderungen von über zehn Millionen Dollar konfrontiert. „Für uns“, sagt Sokolow, „sind das Summen jenseits von Gut und Böse. Noch haben wir alle Verfahren gewonnen.“ Für dieses Jahr, sagt er, gelte das Kleingedruckte, wie man es aus den Investment-Fonds der Banken kenne: Erträge in der Vergangenheit bedeuten nicht automatisch Garantien für die Zukunft.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben