Moritz Rinke sammelt Erinnerungen an die Gegenwart : Skandal!

Moritz Rinke
Moritz Rinke.Foto: Mike Wolff

Eigentlich wollte ich hier gern über das Thema „50 Jahre Sportschau“ schreiben, aber jetzt habe ich mich doch für „30 Jahre Lebensmittelskandale“ entschieden.

Alles begann am Mittagstisch meiner Oma mit den wachstumssteigernden Östrogenen, da war ich 13, aß immer sonntags in Bremen bei den Großeltern, und meine Großmutter sagte zu meinem Großvater: „Kalbfleisch kommt nie wieder auf den Tisch, basta!“ Eine Zeit später setzte meine Oma meine heißgeliebten Nudeln ab wegen des Hühnerkots im Flüssigei. Gleichzeitig trank mein Opa Frostschutzmittel, weil er dachte, es sei Wein, er hatte danach wirklich ein sogenanntes Glykol-Problem.

Der Larvenbefall von Seefischen mit Nematoden brachte das Kalbfleisch 1987 unerwartet auf unseren Tisch zurück, aber die Fische waren weg. 1989 trauerte meine Großmutter um ihre geliebten Leberpasteten wegen der Listeriose-Bakterien, aber mein Großvater kannte kein Pardon: „Das ist das Ende der Pasteten, meine Liebe!“

1993 nahm meine Oma, mittlerweile nicht ohne Schadenfreude, das Kalbfleisch wieder vom Teller meines Opas wegen des ersten Auftauchens von sogenanntem Gammelfleisch. Stattdessen wurde Lachs gegessen, aber nur bis zum Skandal vom getesteten Bakterienlachs, der das Immunsystem außer Kraft setzen sollte. Danach gab es wieder Nudeln! Und Schwein bis zum ersten Tag vom Schweinemast-Skandal.

Pestizide auf Paprika, Mineralöl in Hühnereiern und Salmonellen in Schokolade hatten meine Großeltern nicht so tangiert, aber die Nitrofurane im Geflügel bekümmerten meine Oma, sie verursachen die allerschlimmste Krankheit, die niemals mit Namen ausgesprochen wurde.

Ähnlich war es beim Tetracyclin im Putenfleisch, das angeblich auch zu Zahnausfall führte, sowie bei Semicarbazid in Gurkengläsern, das angeblich wie ein Vampir durch die Küche wanderte und andere Lebensmittel zu Vampiren machte. Meine Oma räumte die ganze Küche leer, und es gab erst einmal nur wieder Leberpasteten.

Mein Opa hatte nach seinem Glykol-Problem angefangen, nur noch Wasser mit Fruchtsirup zu trinken, bis eines Tages im Sirup das Hormon MPA gefunden wurde, das angeblich zeugungshemmend wirkte. „Jetzt reicht’s“, schrie Opa, „erst Krebs!“, er sprach es wirklich aus, „dann keine Zähne mehr und Vampire in der Küche! Und nun auch noch zeugungsunfähig?!“ – „Willst du etwa noch ein Kind??!“, schrie meine Oma hysterisch.

Irgendwann habe ich dann nicht mehr bei den Großeltern gegessen, sondern irgendwo draußen in der Welt, aber die Lebensmittelskandale hielten an, es gab sogar immer noch mehr als damals. Und ab der Jahrtausendwende hatten wir dann eindeutig mehr Lebensmittelskandale als Nazi-Skandale, das sollte etwas heißen in Deutschland. Früher hatten sich meine Großeltern wenigstens noch manchmal über Hitler unterhalten, aber mittlerweile ging es nur noch um Pasteten, Nudeln, Eier etc., die immer wieder vom Tisch verbannt wurden und dann wieder auftauchten, weil anderes verbannt worden war.

Mein Opa hatte sogar am Ende die Theorie, dass es vielleicht auch um eine ausgeglichene Gifteinnahme ging, mal dieses Gift, dann ein anderes Gift, denn die heben sich bestimmt gegenseitig auf. „Alles gut mischen!“, sagte er, also fast wie bei Wertpapieren an der Börse.

Mein Opa erreichte ein stattliches Alter, meine Oma lebt immer noch. Aber vielleicht hat man sich in den Kriegs- und Trümmerzeiten so gesund ernährt, dass es für ein langes Leben reichte.

An dieser Stelle wechseln sich ab: Christine Lemke-Matwey, Jens Mühling, Elena Senft und Moritz Rinke.

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