Zeitung Heute : Mose, dieses ist heiliger Boden!

FRANZ LERCHENMÜLLER

Die Attraktion im Katharinenkloster ist der biblische Dornbusch VON FRANZ LERCHENMÜLLER

Das Katharinenkloster im südlichen Sinai lockt Heerscharen von Touristen, die wirkliche Attraktion aber ist das Land, in dem es liegt.Steinerne Geister, bizarre Felsformationen, Wunder über Wunder sind zu bestaunen.Gestein, Geröll, Granit.Links und rechts der Straße von Scharm-el-Sheik zum Katharinenkloster steigen Felsen auf, in allen Schattierungen von Rot und Rosa, durchzogen von schwarzen Lavabändern.Manche glänzen wie Speck unter einer Sonne, die sie seit tausenden von Jahren röstet, andere gleichen wulstigen Narben und schrundigem Krebs, der zum Stillstand gekommen ist.Berge wachsen aus der Ebene wie Burgen, in die der Wind Erker, Pfeiler, Portale und Zinnen geschliffen hat, weißer Sand fließt dazwischen hervor wie die Zungen gleißender Gletscher, Pagoden, Pyramiden und gestrandete Flotten im Fels ­ eine von steinernen Geistern belebte Ödnis ist dieser südliche Sinai.Und mittendrin: das Katharinenkloster. In einer Höhe von 1570 Metern liegt es am Grund eines Talkessels.Von der Anhöhe daneben erinnert es an ein vergessenes Riesenspielzeug, eine Schachtel voll dicht zusammengepackter Gebäude, als Rand eine dicke, 15 Meter hohe Mauer.Und wären da nicht die paar winzigen Kamele und der Ameisenzug der Touristen zu sehen ­ es schiene von Gott und aller Welt verlassen. Der Fels dort unten im Talkessel ist ganz besonderer Boden."Der Engel des Herrn erschien Mose in einer feurigen Flamme aus dem Dornbusch.Und Mose sah, daß der Busch im Feuer brannte und doch nicht verzehrt wurde.Als aber der Herr sah, daß er hinging, um zu sehen, rief Gott ihn aus dem Busch und sprach: Mose, Mose! Tritt nicht herzu, zieh deine Schuhe von deinen Füßen, denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land!" Genauso soll es sich, glaubt man dem 2.Buch Mose des Alten Testaments, im Tal unten zugetragen haben.Deshalb hatten sich schon im 3.Jahrhundert nach Christus ein paar Einsiedler dort niedergelassen.Einer von ihnen will irgendwann auf einem der umliegenden Berge die Überreste der heiligen Katharina entdeckt haben.Ihr zu Ehren wurde eine Kapelle errichtet. Kaiser Justinian von Byzanz ließ Mitte des sechsten Jahrhunderts an deren Stelle das Kloster bauen, in etwa so wehrhaft und kompakt, wie es heute noch da liegt.Damit die Mönche nicht von den profanen Tätigkeiten des täglichen Lebens an der Entfaltung ihres geistigen Horizonts gehindert würden, stellte er ihnen darüberhinaus ein paar Dutzend Diener, zum Teil Ägypter, zum Teil freigelassene Sklaven aus Rumänien.Ihre Nachkommen sind die Gebeliya-Beduinen, von denen einige auch heute noch im Kloster arbeiten. Alle diese Angestellten sind seit langer Zeit Moslems.Im 10.Jahrhundert wurde für sie sogar eine Moschee auf dem Klostergelände errichtet, das Minarett steht direkt neben der byzantinischen Basilika. Ganz ungetrübt war das Verhältnis zwischen den Ureinwohnern des Landes und den importierten Geistlichen allerdings nicht immer.Es kam vor, daß Beduinen die Klosterpilger ausraubten, zeitweise mußten die Mönche sogar Schutzgelder zahlen, um ihre Stellung halten zu können.Episoden einer bewegten Geschichte. Schon im Jahre 640 hatten die islamischen Araber Ägypten erobert und ihre Religion auf den Sinai gebracht.Doch die Mönche arrangierten sich alsbald mit den neuen Herrn, sie wiesen einen ­ gefälschten ­ Schutzbrief Mohammeds vor und durften ihren Glauben weiter ausüben. Mit der gleichen Mischung aus diplomatischem Geschick, Trickreichtum und Sturheit überstanden sie auch die Wirren kommender Zeiten: Die Kreuzfahrerheere im 11.Jahrhundert, die Türken im 16.und Napoleon Ende des 18.Jahrhunderts. Von oben wirkt das Katharinenkloster wie ein verwirrendes Labyrinth aus Gebäuden, Dächern und Gäßchen.Unten angekommen besteht für den Reisenden dennoch keine Gefahr, sich zu verlaufen: der Weg innerhalb der Mauern führt vom Eingang direkt in die Kirche. Im halbdunklen Vorraum hängt eine Sammlung mattgolden schimmernder Ikonen, angeblich eine der schönsten der Welt, mit Werken aus dem 6.Jahrhundert bis heute.Doch es bleibt keine Zeit, sie in aller Ruhe zu betrachten: Besuchermassen drängen herein und hinaus, jeder schiebt und wird geschoben und steht, ehe er sich versieht, im Mittelschiff der Basilika. Schwere silberne Weihrauchfässer und goldgefaßte Straußeneier hängen von der Decke, koptische Kreuze, getriebene Leuchter und glänzende Mosaiken sind vor dem Altar und an den Wänden verteilt.Der Raum ist vollgestopft mit Menschen, Mönche in orthodoxer Tracht und Wächter in Zivil wachen mit Argusaugen darüber, daß niemand fotografiert, es riecht nach Weihrauch, Schweiß und diversen Parfüms, und das Volk der Reiseführer spricht in vielen Zungen. Draußen, hinter der Kirche aber steht die eigentliche Attraktion des Ortes: der Dornbusch, der vor mehr als 3000 Jahren gebrannt und gezüngelt und gelodert hatte und doch nicht zu Asche zerfallen war, ist hier und heute rundum mit kleinen grünen Blättern besetzt, er erinnert ein wenig an einen Brombeerstrauch ohne Früchte und macht einen überaus gesunden Eindruck.Oh doch, es handle sich immer noch um den Busch von damals, schwört die ägyptische Reiseleiterin.Man habe ihn lediglich im 3.Jahrhundert einmal um zwei Meter versetzt, um Platz für die jetzt danebenstehende Kapelle zu schaffen. Und außerdem, nicht genug der Wunder, habe man ein paarmal versucht, Ableger des Busches an anderen Orten im Sinai auszusetzen.Ein Fehlschlag ­ alle miteinander seien verdorrt. Doch viel beeindruckender als diese Legenden ist das historische Geschehen, für das der Busch steht: der Auszug der Israeliten aus Ägypten.Wie ein Mann, besessen von einer Idee, ein paar tausend Menschen überzeugt, ihren Wohnsitz zu verlassen, wie er sie vierzig Jahre lang durch diese Einöde von Brunnen zu Wasserloch zu Oase treibt, wie er fertig wird mit Hunger, Durst, Depression und Rebellion ­ das ist das eigentliche Wunder. Ein Wunder an menschlicher Unbeugsamkeit, die im übrigen auch den Bewohnern des Landes und den Mönchen des Klosters stets zu eigen gewesen sein muß, weil ohne sie menschliches Überleben nicht denkbar wäre in dieser Welt, die überhaupt nicht für Menschen gemacht scheint, der steinernen Welt des Sinai.

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