Zeitung Heute : Mozart aggressiv

ECKART SCHWINGER

Affektgeladen: das Ensemble Resonanz im SchauspielhausECKART SCHWINGERDieser streng musizierte Mozart war zunächst irritierend.Da wurden von dem relativ groß besetzten Ensemble Resonanz (allein zwanzig Streicher!) im Kleinen Saal des Schauspielhauses keinesfalls nur die altbekannten guten Geister eines übermütig heiteren Musizierens herbeigezaubert.Sogleich bei den lapidaren Anfangsakten des Allegro oder auch beim übersprudelnden Presto des F-Dur-Divertimentos KV 138 gab ein rhetorisch drastischer, scharf attackierender Musizierstil den Ton an, der nur gelegentlich allzu direkt und ein bißchen prosaisch wirkte.Aber bei aller radikalen Linienführung und Kontrastfreude fesselten bei dem Ensemble Resonanz, dem Kammerorchester der Jungen Deutschen Philharmonie, eine ganz exquisite geistige Haltung und homogene Klangqualität.Jeden noch so kleinen sentimentalischen, verschwommenen Gestus versagten sich auch Thomas Zehetmair (Violine) und Ruth Killius (Viola) bei Mozarts Sinfonia concertante in Es-Dur KV 364.Zehetmair hatte in der superbrillanten, geradezu tongewaltigen Bratscherin Ruth Killius eine überlegene Partnerin.Beide gingen von Anbeginn an mit raumsprengender Expansionskraft und Dynamik, bisweilen betont affektgeladener Härte zu Werke.Gewannen dem Ganzen packende und berührend stille Züge ab.Mozart total. Aggressivität war auch im Spiel bei der "kleinen" g-Moll-Sinfonie KV 183.Da wurden Bläserpartien plastisch herausmodelliert, traten bissige Präzision und dramatische Antriebskraft zutage.Die energische Konzeption war nahtlos über alle vier Sätze gespannt.Die jeweilige Konzertmeisterin ersetzte restlos den Dirigenten. Mit derselben geistvollen Intensität und schmerzend schönen Leuchtkraft loteten Thomas Zehetmair und das Ensemble auch das weithin unbekannte, für Yehudi Menuhin geschriebene Konzert für Violine und zwei kleine Streichorchester namens "Polyptique" von Frank Martin aus.Das sind "Sechs Bilder aus der Passion Christi" (1973) in der für Martin eigentümlichen, kultivierten Geistigkeit.Der Komponist des großen "Golgatha"-Oratoriums dringt hierbei subtil und expressiv in tiefe seelische Bezirke vor und beschwört in kleinen Bildern des Abendmahls, des Judas, des Garten Gethsemane oder des Gerichts geheimnisvoll vielgesichtige Klangszenen von suggestiver Kraft.

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