Zeitung Heute : Mozart oder die Frage, wer mit wem darf

"La finta semplice", das Opera-Buffa-Debut des zwölfjährigen Wolfgangerl, bei den Musikfestspielen Potsdam Sanssouci Gleich zweimal hatte der Kaiser das Wolfgangerl gefragt, ob er nicht eine Oper für ihn schreiben wolle.Natürlich wolle er das gerne tun, antwortete der kleine Kompositeur aus Salzburg - einem Monarchen widerspricht man nicht, das wußte er vom Vater.Und so setzte sich der 12jährige Mozart hin, um seine erste opera buffa für die Saison 1768 aufs Notenpapier zu bringen.Zu einer Aufführung in Wien kam es dank der Intrigen älteren Komponistenkollegen allerdings nicht.Erst ein Jahr später ging die "Finta semplice", die "vorgebliche Einfalt" im heimischen Salzburg erstmalig über die Bühne. Die Oper, ein Kinderspiel: Bei den Musikfestspielen Potsdam Sanssouci inszeniert Stephen Lawless Mozarts Buffo-Debut als Spaß für Menschen von 9 bis 99.Fast das gesamte Ensemble ist deshalb gleich dreimal auf der Bühne vertreten: als Sänger, als Kinder-Double und als Stoffpuppe.Im ersten Akt zeigen die Akteure noch das Entwicklungsstadium "normaler" Zwölfjähriger", doch in dem Maße, wie in Goldonis Libretto aus dem Liebesspiel langsam der Ernst des Lebens wird und sich die finale Trippel-Hochzeit anbahnt, dürfen die Zuschauer am Pubertäts-Prozess der Protagonisten im Zeitraffertempo teilnehmen.Die Kostüme von Pieter Coene sehen dabei aus, als hätten die lieben Kleinen die Verkleidungskisten und Rot-Kreuz-Kleidersäcke ihrer Eltern geplündert: Gepuderte Perüêken, Sonnenbrillen, rosa Seventies-Anzüge mit Schlaghosen, auslandende Reifröêke, Gildo Horn-Rüschenblusen, historische Armee-Mäntel, Kniebundhosen und Bergsteigerstiefel mischen sich zu einer schrillen Kollektion kindlicher Verstellungslust. Die Handlung gehört zur Gattung jener Opern-Histörchen, die bei Berufstätigen stets Neid aufkommen lassen ob so angenehmen Zeitvertreibs: Don Cassaro (Alan Ewing) ist ein Frauenhasser, der als Erstgeborener auch seinen beiden Geschwistern Ehepläne versagt.Natürlich ist seine Schwester Giacinta (Hadar Halevi) in den Logiergast des Hauses, Fracasso (Mark Tucker) verliebt, sein Bruder Polidoro (Jorge Garza) versucht, mit dessen Schwester (Anna Dawson) zarte Bande zu knüpfen.Ein heiratswilliges Dienerpärchen (Johanna Stinnez und Otto Katzameier) vervollständigt die unschuldige Intrige.Mozart oder die (glücklicherweise gar nicht mörderische) Frage, wer mit wem darf.Denn natürlich verfällt auch der eiserne Junggeselle schnell dem Charme der Primadonna.Die sorgt dann auch für die einzige Überraschung in der Stückdramaturgie, wenn sie am Ende den Baß als Gatten wählt und der Tenor als einziger leer ausgeht. Vor einem Bühnenhimmel, der genauso komödien-blau leuchtet, wie der echte vor dem Schloßtheater im Neuen Palais, läd Benoit Dugardyns zentralperspektivische Landhaus-Szenerie mit ihren Ein- und Ausblicken geradezu zum Versteckspiel ein.Gesungen und musiziert wird unter der Leitung von Marcus Creed ebenso locker und stilsicher, wie Stephen Lawless seine Personen durch die nahtlos ineinander übergehenden Szenen führt.Und doch kommt trotz des exqusiten, lustvoll chargierenden Mozart-Ensembles und des zupackenden, manchmal fast aggressiven Klangideals der Akademie für alte Musik spätenstens nach zwei der gut drei Aufführungs-Stunden die Frage auf, ob nicht doch die eine oder andere Kürzung in der Partitur vertretbar gewesen wäre.Denn auch wenn in der Partitur des Zwölfjährigen so manche Wendung seine Da Ponte-Opern vorausahnen läßt, ist in dieser "Finta semplice" die Einfalt eben doch nicht immer nur eine Vorgebliche.Wieder heute, am 26., 27.und 28.Juni, immer 19.30 Uhr. Kartentel.: 0331/275710.

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