Zeitung Heute : Muck und Müll

CHRISTIAN SCHRÖDER

Mit kindlicher Selbstvergessenheit: Lars Rudolph spielt "Edgar"An diesem Gesicht ist alles ein wenig zu groß geraten.Das kantige Kinn, die abstehenden Ohren, vor allem die hellblauen Augen, die mit unerschütterlicher Neugier in die Welt lugen.Mit eckigen, stets ein wenig unbeholfenen Bewegungen stapft Edgar durch ein Leben, das jeden Tag ein neues Wunder für ihn parat hat.Edgar, Held von Karsten Laskes gleichnamigem Film, ist ein Kind, das im Körper eines Erwachsenen steckt.Auf dem Papier mag er ein Twentysomething sein, aber eigentlich ist er in seiner Entwicklung irgendwo in der Grundschule stehengeblieben.Früher hat Edgar in einer Fleischfabrik Rouladen gerollt, jetzt arbeitet er in einem neuen Job als Müllsortierer.Er wohnt in einer Mansardenwohnung, von der der Blick über die Dächer einer ostdeutschen Kleinstadt geht.Ab und zu kommt seine strenge Mutter vorbei, bringt Wäsche und mahnt ihn, morgens pünktlich aufzustehen.Und manchmal besucht ihn die heißgeliebte Oma, backt Reibekuchen und spielt nachher mit ihm Fangen im Park. "Edgar", stilsicher zwischen Komödie, Sozialdrama und Psychostudie changierend, guckt seiner Hauptfigur siebzig Minuten lang über die Schulter.Auf den ersten Blick passiert dabei nur wenig, doch am Ende ist nichts mehr so, wie es am Anfang war.Manchmal schlägt der Film den unbeschwerten "Es war einmal"-Tonfall eines Märchens an, aber nie stürzt er in dunstwarme Sentimentalität ab.Eines Tages trifft Edgar auf der Straße den kleinen Muck, jenen Schokoladen-Mohren, den er von der Werbetafel am Haus gegenüber kennt.Unter dem Turban steckt eine Studentin, die sich als Werbeträgerin ein paar Mark verdient.Sie lädt Edgar zu sich ein, will dann aber nichts mehr von ihm wissen.Endgültig aus den Fugen gerät Edgars Welt, als seine Großmutter stirbt.Mit den in einem Gurkenglas gesammelten Pfennigen macht er sich auf den Weg nach Belgrad, der schönen Stadt, von der die Oma immer erzählt hat. "Edgar" ist ein Low-Budget-Film, und das merkt man ihm auch an.Die Bilder sind nicht immer richtig ausgeleuchtet, der Ton rauscht manchmal mächtig, und die Nebenfiguren - zum Beispiel Edgars Kollegen auf dem Müllhof - sind grob überzeichnet.Was den Film sehenswert macht, ist sein Hauptdarsteller.Lars Rudolph, für "Edgar" und "Not a Love Song" mit dem Max-Ophüls-Preis als bester Nachwuchsdarsteller ausgezeichnet, agiert mit einer kindlichen Selbstvergessenheit, bei der sich Ernst und Staunen mischen.Wunderbar, wie er auf der Müllhalde mit Abfalltüten herumjongliert.So wie Lars Rudolph ihn spielt, muß man Edgar einfach lieben.CHRISTIAN SCHRÖDERHackesche Höfe, Brotfabrik, Moviemento

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