Zeitung Heute : München ’72

Es sollten die heiteren Spiele werden. Und ganz nebenbei sollte sich das Verhältnis zur DDR verbessern. Doch dann fielen Schüsse im Quartier des israelischen Teams.

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Von Kay Schiller und Christopher Young Es war kurz vor Mitternacht, als der Jubel losbrach. Regierungssprecher Conrad Ahlers gab bekannt: Die Geiseln sind frei und unverletzt.

Nicht nur Millionen Deutsche hatten den Ereignissen des 5. September 1972 den ganzen Tag über zugesehen, lange vor dem Angriff auf die New Yorker Twin Towers war dies der erste Terrorakt, den die halbe Welt live vor dem Fernseher mitverfolgte. Bei ihnen allen löste sich jetzt die Spannung. Umso tiefer saß am nächsten Morgen der Schock. Das glückliche Ende des Geiseldramas während der Olympischen Spiele 1972 erwies sich als frommer Wunsch.

Ahlers falsche Presseerklärung war nur das letzte Beispiel dafür, wie dilettantisch die deutschen Behörden in den 24 Stunden zuvor agiert hatten. Die vermeintlich gute Nachricht beruhte auf einer falschen Agenturmeldung, die Telefone am Einsatzort in Fürstenfeldbruck funktionierten nicht und hinter allem stand der dringende Wunsch, das Mega-Ereignis Olympia irgendwie zu retten. Schließlich hatten sich die Gastgeber vorgenommen, der Welt ein neues, ein friedliches Bild von Deutschland zu präsentieren.

In der Nacht zuvor waren acht Mitglieder des „Schwarzen September“, eines PLO-Terrorkommandos, in die Connollystraße 31 im Olympischen Dorf von München eingedrungen. Ihr Ziel war es, 234 Palästinenser aus israelischen Gefängnissen frei zu pressen, dafür nahmen sie israelische Olympiateilnehmer als Geiseln. Zudem verlangten sie die Freilassung der deutschen Terroristen Andreas Baader und Ulrike Meinhof.

Die Palästinenser ließen an ihrer Entschlossenheit keinen Zweifel. Als sich der Trainer der Ringer, Moshe Weinberg, und der Gewichtheber Yosef Romano wehrten, wurden sie sofort erschossen. Und allen war klar, die Terroristen würden auch die verbliebenen neun Geiseln töten, für ihre Mission den eigenen Tod in Kauf nehmen. Der Münchner Polizeipräsident Manfred Schreiber sagte später, „das Schicksal der Israelis war in dem Moment zu 99 Prozent besiegelt“, als Israels Premierministerin Golda Meir Verhandlungen mit den Terroristen kategorisch ablehnte.

Bonn bat die Arabische Liga und den ägyptischen Präsidenten Anwar el-Sadat, Einfluss auf die Geiselnehmer zu nehmen und sie zum Aufgeben zu bewegen. Aber Sadat war nicht einmal bereit, mit Bundeskanzler Willy Brandt zu sprechen. Die Palästinenser weigerten sich, ihre Geiseln gegen Geld freizulassen. Sie gingen nicht auf das Angebot von Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher ein, sich selbst gegen die Israelis einzutauschen. Und auch Peter Brandt, den Sohn des Bundeskanzlers, akzeptierten sie nicht als Unterpfand. Als das letzte Ultimatum ablief und die Nerven auf beiden Seiten blank lagen, erklärten sich die Terroristen damit einverstanden, nach Ägypten ausgeflogen zu werden.

Das Angebot war nur zum Schein erfolgt, um Bewegung in eine verfahrene Situation zu bringen. Nicht einmal 30 Jahre nach dem Holocaust war es für die Verantwortlichen undenkbar, dass Juden von deutschem Boden aus „in den sicheren Tod in der Wüste geschickt würden“, wie Walther Tröger, damals Bürgermeister des Olympischen Dorfs, sagte. So blieb die gewaltsame Befreiung der Geiseln als einziger Ausweg. Doch technisch waren damals wohl nur die Israelis selbst in der Lage, eine derart riskante Geiselbefreiung durchzuführen. Erst als Reaktion auf das Desaster in München gründete das Bundesinnenministerium seine eigene Antiterror-Einheit, die GSG 9, jene Truppe, die während des Deutschen Herbstes 1977 in Mogadischu erfolgreich die Geiseln der entführten Lufthansa-Maschine Landshut befreite. 1972 hatten die Israelis ihre Hilfe angeboten, aber in Bonn winkte man ab.

Die Befreiungsaktion der Sicherheitskräfte auf dem Militärflughafen Fürstenfeldbruck nahe München geriet zur Katastrophe: Alle neun israelischen Geiseln starben, außerdem fünf der acht Guerilleros und ein Polizist. Die eklatanten Fehler jener Nacht sind heute gut dokumentiert. Nur fünf Scharfschützen standen für acht Terroristen bereit, bis kurz zuvor wusste man nicht einmal, mit wie vielen Gegnern man es eigentlich zu tun haben würde. Funkgeräte gab es nicht, auch keine hinreichende Panzerung für die Schützen. Die Sichtverhältnisse auf dem Flugfeld waren miserabel, und die fünf Polizisten unzureichend an ihren Waffen ausgebildet. Nach einem längeren Feuergefecht wendeten die überlebenden Palästinenser schließlich ihre Waffen gegen die Geiseln. „Ausgesprochener Dilettantismus“, lautete das Urteil von Mossad-Chef Zwi Zamir, der dem tödlichen Verlauf des Dramas untätig zusehen musste. Die Spiele, die eine Woche zuvor so glanzvoll begonnen hatten, schienen nun ein bitteres Ende gefunden zu haben, denn noch war nicht klar, dass sie fortgesetzt würden.

Die Organisatoren wussten um die hohe Symbolkraft, die von einem Ereignis wie den Olympischen Spielen ausgeht. Die Terroristen allerdings auch. Issa, der sprachgewandte Anführer des Schwarzen September, entschuldigte sich während einer Verhandlungsrunde mit Genscher bei den Organisatoren dafür, dass er ihnen die Party verdorben hatte. Die Deutschen, sagte er, würden hier hervorragende Spiele veranstalten. Aber zugleich böten sie den Palästinensern eben die Chance, die halbe Welt auf ihr Leid aufmerksam zu machen.

Auf diese breite Öffentlichkeit hatten auch die westdeutschen Organisatoren gehofft, als im Spätherbst 1965 erstmals die Idee aufkam, wieder Spiele in Deutschland auszurichten. So wie schon Rom im Jahr 1960 und Tokio 1964 die Spiele als Chance genutzt hatten, sich vom Stigma des Kriegsverlierers zu befreien und in die internationale Gemeinschaft zurückzukehren, war es nun den Deutschen wichtig, der Welt ein neues Bild von sich zu präsentieren. Willi Daume, Präsident des Deutschen Olympischen Komitees, und Hans-Jochen Vogel, der Münchner SPD-Oberbürgermeister, brauchten nur einen Monat, um Finanzierungszusagen von der Stadt, dem Land Bayern und der Bundesregierung zu erhalten. Aus heutiger Sicht eine unfassbar kurze Zeit, man wollte diese Spiele eben unbedingt, sowohl in Bonn als auch in München.

Dem gewieften Kommunalpolitiker Vogel war schnell klar, dass sich hier die einmalige Gelegenheit bot, die bayrische Hauptstadt ein enormes Stück nach vorn zu bringen. Jene Stadt, die ökonomisch am meisten von der deutschen Teilung profitierte, aber nun ein rapides Wachstum zu verkraften hatte, würde in kürzester Zeit eine moderne Verkehrsinfrastruktur bekommen, an erster Stelle ein gut ausgebautes S- und U-Bahn-Netz. Zudem würde sich München einen lang gehegten Wunsch erfüllen können – ein Großstadion. Und das beste daran war, dass dank der Olympiamünzen, der Glückspirale sowie der bundesdeutschen und zu einem wesentlich geringeren Anteil bayrischen Finanzierungshilfen, die Kosten auf die Schultern von 60 Millionen Bundesbürger verteilt werden konnten.

Die Spiele 1972 wurden in der Tat eine teure Feier. Die geschätzten Kosten in Höhe von 500 Millionen Mark vervierfachten sich beinahe in den folgenden Jahren. Aber trotz der Minirezession von 1966/67 konnte man es sich leisten. Dass die Bundesrepublik nach den beiden Weltkriegen ein friedliches und prosperierendes Land wurde, war ein nicht unbedingt erwarteter und großer demokratischer Erfolg für die neue Weltordnung. Westdeutschland war nicht nur ein wichtiges geopolitisches Bollwerk gegen den Kommunismus, die Bundesbürger waren auch vorbildliche Weltbürger geworden. Und als solche wollten sie gesehen werden.

Für die Olympia-Organisatoren wurde vieles leichter, als mit Willy Brandt ein Emigrant aus Nazi-Deutschland ins Kanzleramt einzog. Obwohl das Vorhaben ursprünglich von einer CDU-Regierung unterstützt und bis in die Details unter der Großen Koalition geplant wurde, wirkten die Spiele von München 1972 wie die perfekten SPD-Spiele. Dabei war vielleicht der wichtigste Beitrag der sozialliberalen Koalition bei den Organisatoren alles andere als willkommene Kosteneinsparungen durchzusetzen. Doch weder das, noch der dilettantische Einsatz gegen den „Schwarzen September“ und die Preisgabe der drei überlebenden Palästinenser, die nur wenige Wochen nach dem Attentat bei einer Flugzeugentführung freigepresst wurden, konnten der SPD etwas anhaben. Bei der Bundestagswahl im November 1972 erreichte sie ihr bestes Ergebnis aller Zeiten.

Die Wahlen waren so etwas wie ein Referendum über Brandts fortschrittliche aber heftig umstrittene Ostpolitik. Die Verträge mit Moskau und Warschau waren bereits unterzeichnet und nach dem Viermächteabkommen über den Status von Berlin auch ratifiziert. Fehlte nur noch der Grundlagenvertrag, der die Beziehungen zur DDR regeln sollte. Als die Spiele begannen, lag der noch auf dem Verhandlungstisch. Aber der Auftritt der DDR bei den Spielen war fast schon so etwas wie der symbolische Abschluss dieser Verhandlungen. Ost-Berlin gewann erheblich an internationalem Ansehen, weil man erstmals als souveräner Staat eine Mannschaft zu Olympischen Spielen schickte – eine Olympia-Mannschaft, die den dritten Platz im Medaillenspiegel erreichte – vor der Bundesrepublik.

Gerüchte, die Stasi hätte hinter den terroristischen Angriffen gestanden, sind haltlos. Natürlich hatte Ost-Berlin im Vorfeld gegen die Spiele in der einstigen „Hauptstadt der Bewegung“ agitiert, aber in Wirklichkeit sah man die Sache pragmatisch. Sportfunktionäre drückten das so aus: „Wir holen Gold und die BRD zahlt dafür.“ Die Geiselnahme war also sicher nicht in Ost-Berlins Interesse. Im Gegenteil: Es gibt gewichtige Hinweise darauf, dass west- und ostdeutsche Behörden in München eng zusammenarbeiteten. Man wollte Störungen der Vertragsverhandlungen auf alle Fälle vermeiden. Als einer der sorgfältig ausgewählten DDR-Touristen beschloss, im Westen zu bleiben, wurde das von westdeutscher Seite erfolgreich verheimlicht.

Die Spiele des Jahres 1972 waren wahrscheinlich die am besten durchgestylten des 20. Jahrhunderts. Die einzigen, die da ran reichen, sind die von Berlin, bei denen es den Nazis mit ihrem unbestrittenen Sinn für Selbstdarstellung gelang, die Spiele neu zu erfinden. So betrachtet war 1936 die Geburtsstunde der modernen Spiele. München hingegen sollte zur Geburtstunde des modernen Deutschlands werden. Das drückt sich aus in Günter Behnischs spektakulärer Olympia-Architektur und in Otl Aichers komplementärem Design auf dem Oberwiesenfeld. Das Zeltdach, unter dem die wichtigsten Veranstaltungsorte lagen, wurde zur Metapher dafür, wie die Spiele und der Staat gesehen werden wollten: „ungezwungen, offen, leicht und gelöst“. Das Deutschland des Jahres 1972 war frisch, innovativ und bereits in der Zukunft angekommen.

Aus Sicht der Deutschen waren die Terroristen des „Schwarzen September“ schlicht im falschen Film gelandet. Sechs Jahre kreativer und hingebungsvoller Arbeit verdunsteten in der kühlen Morgenluft, als die Nachrichten vom Flughafen in Fürstenfeldbruck bekannt wurden. Alles schien umsonst gewesen. Die „Süddeutsche Zeitung“ schrieb am 7. September 1972: „Kaum eine Großstadtbevölkerung ist weniger imperialistisch und aggressiv, friedfertiger und von einfacherer Menschlichkeit als die der bayrischen Metropole. Aber das Stigma bleibt: Hauptstadt der Bewegung, Ursprung politischer und ideologischer Gesetzlosigkeit, Stätte der Kapitulation des Rechts vor der Gewalt – „braunes“ München, Hort des Revanchismus. So konturlos und emotional aufgeladen derartige Begriffe auch sein mögen, sie scheinen sich nun wieder einmal zu bestätigen.“ Plötzlich zogen wieder die Schatten der Vergangenheit auf. Als die „New York Times“ eine Karte veröffentlichte, um ihren Lesern das Geschehen vom 5. September zu illustrieren, ragte darauf das nahe gelegene Dachau hervor.

Doch genauso schnell wie sie aufgekommen waren, verschwanden diese Gefühle auch wieder. Deutschland erlitt zwar einen Schock, aber kein lang anhaltendes Trauma. Juden starben auf deutschem Boden, aber nicht durch die Hände der Deutschen, sondern sie fielen allenfalls deren Inkompetenz zum Opfer. Die Israelis trauerten um ihre Toten, die Deutschen um ihre Spiele. Beide Nationen waren zu Opfern geworden. So zynisch es klingen mag, für die kollektive Psyche war es sicher hilfreich, dass auch der Münchner Polizeiobermeister Anton Fliegerbauer sein Leben verloren hatte. Man konnte so ohne eigene Schuldgefühle Sympathie und Solidarität mit Israel bekunden. Axel Springer schickte ein Beileidstelegramm an Golda Meir und ließ es in jeder seiner Zeitungen abdrucken. Viele Soldaritätsbekundungen kamen auch aus der Bevölkerung. Man erwog die Prägung von Münzen, deren Erlös den Hinterbliebenen zukommen sollte, und schlug vor, das Olympiastadion nach dem getöteten Ringer Moshe Weinberg zu benennen.

Kontroversen über den Terroranschlag finden seitdem anderswo statt. Im Jahr 2000 drehte Kevin MacDonald die Dokumentation „One Day in September“. Er wurde dafür mit dem Oscar ausgezeichnet. Der palästinensische Intellektuelle Edward Said zieh ihn trotz der politisch ausgewogenen Darstellung der Hintergründe des Anschlags im Londoner „Guardian“ der „Befangenheit“ gegenüber der Sache Palästinas. Dabei hatte MacDonalds Film vor allem die Unzulänglichkeit der deutschen Behörden im Blick.

Steven Spielbergs neuer Spielfilm „München“ ist nicht weniger kontrovers. Der Film, der sich mit der israelischen Geheimoperation beschäftigt, in der die Hintermänner des Anschlags von München gejagt wurden, wurde bereits vom Israelischen Generalkonsulat in Los Angeles und vom Außenministerium in Tel Aviv heftig kritisiert. Diesmal lautet der Vorwurf, der Film stelle die Mossad-Agenten und die Terroristen des „Schwarzen September“ moralisch auf eine Stufe. Weder israelische noch palästinensische Kommentatoren zeigen großes Interesse an den Deutschen. Deren Rolle als unfähige Randfiguren ist unumstritten.

Und dabei wollen es die deutschen Behörden wohl am liebsten belassen. Sobald es um die wichtigsten Akten zum Anschlag geht, bleiben die Archive bis heute geschlossen, Anfragen werden höflich, aber bislang unmissverständlich abgelehnt. Viel ist bekannt über München, und doch weist einiges darauf hin, dass es noch mehr zu erzählen gibt. Warum kümmerte sich niemand um den beigefarbenen Mercedes, der am Zaun des Olympischen Dorfes geparkt hatte und auf dessen Rückbank drei bewaffnete mutmaßliche Terroristen gesessen haben sollen? Laut einem Telex an das Bayerische Landeskriminalamt. Warum wurden alle arabischen Beschäftigten ohne Befragung vom Olympiagelände verwiesen, obwohl die Organisatoren und die Polizei den Verdacht hatten, dass einige von ihnen den Terroristen Hilfe geleistet hatten? Und warum war die Stasi so gut über die Fahndungsanstrengungen der westdeutschen Kollegen informiert?

30 Jahre, ein Gerichtsurteil und zwei ambitionierte Filmprojekte später bleiben solche und andere wichtige Fragen noch immer unbeantwortet. Die Behörden scheinen zu hoffen, dass die Abhandlung des Stoffs München auf der großen Leinwand dazu führt, dass sie weiterhin nicht mit Nachdruck gestellt werden.

Kay Schiller, Historiker an der Universität Durham, und Christopher Young, Germanist an der Universität Cambridge, arbeiten an einem Buch über die politischen Hintergründe der Münchener Spiele

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