Münchner Sensationsfund : Kunstsammlung überrascht selbst die Experten

Die Fahnder entdeckten bei dem Münchner Kunstfund auch bislang unbekannte Werke großer Meister. Die mit der Sammlung befasste Kunsthistorikerin kommt ins Schwärmen. Der Augsburger Staatsanwalt ist hingegen weniger erfreut. Die nun große Öffentlichkeit erschwert die Ermittlungen, sagt Reinhard Nemetz. Und viele rechtliche Fragen sind noch offen.

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Die Kunsthistorikerin Meike Hoffmann (2.vr) spricht am 5. November in Augsburg während einer Pressekonferenz der Staatsanwaltschaft Augsburg zum spektakulären Kunstfund in München, während im Hintergrund ein Kunstwerk des franzöischen Malers Gustav Courbet mit dem Titel "Dorfmädchen mit Ziege" zu sehen ist.
Die Kunsthistorikerin Meike Hoffmann (2.vr) spricht am 5. November in Augsburg während einer Pressekonferenz der...Foto: dpa

Nach tagelangem Schweigen hat die Augsburger Staatsanwaltschaft am Dienstag gemeinsam mit der Berliner Kunsthistorikerin Meike Hoffmann über den spektakulären Fund von Kunstwerken in München-Schwabing informiert. So wurden laut Oberstaatsanwalt Reinhard Nemetz insgesamt 1406 Bilder in der Münchener Wohnung des 80-jährigen Cornelius Gurlitt beschlagnahmt. Dabei handelt es sich weitgehend um Nazi-Raubkunst. Ein Teil der Sammlung, so sagte die Expertin Hoffmann, die die Werke sichtet, galt zur Nazi-Zeit als „entartete Kunst“, ein anderer sei den Besitzern „verfolgungsbedingt und unter Zwang entzogen worden“. Gurlitt ist ein Sohn des Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt, der im Auftrag des NS-Regimes hauptsächlich Werke der klassischen Moderne ins Ausland verkauft hatte.

Neben vermissten und verschollen geglaubten Bildern sind auch Gemälde aufgetaucht, deren Existenz bisher gar nicht bekannt war. Dazu gehören etwa ein namenloses Bild von Henri Matisse von etwa Mitte der 1920er Jahre, das eine sitzende Dame zeigt, sowie ein Selbstporträt von Otto Dix aus dem Jahr 1919. Die Sammlung habe einen „sehr hohen Wert für Kunsthistoriker“, sagte Hoffmann. Sie hält die bisher von ihr untersuchten Bilder für echt. Seit dem Frühjahr 2012 ist die Mitarbeiterin der Forschungsstelle „Entartete Kunst“ der FU Berlin mit der „Provenienzforschung“ beauftragt. Das ist die Aufklärung der Herkunftsgeschichte der Werke.

Die Werke bleiben unter Verschluss. Weder im Internet, noch in einem Katalog oder einer Ausstellung sollen die beschlagnahmten Werke öffentlich gemacht werden. Nemetz begründete dies unter anderem mit den Ermittlungen gegen den Besitzer Cornelius Gurlitt, die nicht abgeschlossen seien.

Für die Augsburger Staatsanwälte wird es schwierig sein, Gurlitt konkrete Straftaten vorzuwerfen. Es werde wegen Steuerhinterziehung ermittelt, teilte Nemetz mit, sowie wegen Unterschlagung. Ob Letztere allerdings zur Wirkung kommen kann, ist unklar, die Verjährungsfrist beträgt nur fünf Jahre. Bisher stünde die umfangreiche Sichtung der Sammlung noch am Anfang, und man wird von Bild zu Bild einzeln entscheiden müssen, was mit ihm geschieht – ob es Angehörige von einstigen Besitzern gibt, ob die Bilder Museen gehörten, oder ob Gurlitt sie behalten kann. Die Beschlagnahmung als „entartete Kunst“ war nach Angaben Hoffmanns im Dritten Reich rechtmäßig, das Gesetz wurde auch nie rückgängig gemacht.

Die beiden Erben des jüdischen Kunsthändlers Alfred Flechtheim haben angekündigt, dass sie die Kunstsammlung überprüfen lassen wollen. Der Verdacht sei begründet, dass darunter Werke des Flechtheim-Bestandes sind, der im Nationalsozialismus aufgelöst werden musste.

Zur Frage, warum der Schatz so lange verheimlicht worden sei, äußerte sich Nemetz nicht direkt. Man habe „in Ruhe daran arbeiten wollen“. Nun seien die Bilder hingegen äußerst diebstahlgefährdet, man habe sie an einem geheimen Ort gesichert. Zu Cornelius Gurlitt haben die Behörden derzeit keinen Kontakt, auch kennen sie seinen Aufenthaltsort nicht.

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