Zeitung Heute : Müssen die ihre Hände vergraben?

Elisabeth Binder

Immer wieder sonntags fragen Sie

Als ich erzogen wurde – schon lange her –, galt es als unhöflich und unzulässig, mit den Händen in der Hosentasche aufzutreten. Heute sieht man im Fernsehen kaum einen Politiker oder anderen Prominenten, der nicht mindestens eine Hand in nämlicher Weise vergräbt. Hat sich die Gesellschaftsordnung in diesem Punkt so geändert, dass ich meine damaligen Erziehungseingebungen über Bord werfen kann?

Prominente, besonders politisch tätige, verdanken ihre Eingebungen in aller Regel hochprofessionellen Imageberatern. Sie überlassen solche Gesten nicht dem Zufall oder dem, was ihre eigene Kinderstube ihnen mit auf den Weg gegeben hat. Wenn also jemand mit der Hand in der Hosentasche vor die Kameras tritt, will er wahrscheinlich vermitteln, dass er ein lässiger, entspannter, gleichzeitig gut geerdeter und volkstümlicher Typ ist und schon deshalb unbedingt gewählt werden sollte. Bitte vergessen Sie nicht, dass viele der heutigen Politiker 68er sind, also einer Generation angehören, die nicht nur alte Benimmregeln revolutioniert hat. Die Hand in der Hosentasche scheint mir da eine vergleichsweise kleine Regelübertretung zu sein. Wobei ich es noch eindrucksvoller finde, wenn Politiker und andere Prominente so entspannt und souverän sind, dass sie solche Gesten gar nicht nötig haben und mit ihren hoffentlich gut gepflegten Händen auch vor laufenden Kameras schwierige Themen beherzt anpacken.

Unabhängig davon ändern sich manche Benimmregeln im Laufe der Zeit. Das finde ich in Ordnung, solange davon nicht die Bereitschaft betroffen ist, anderen das Leben zu erleichtern und einen Beitrag dazu zu leisten, dass im gesellschaftlichen Getriebe immer genügend Öl vorhanden ist. Da man in unserer Gesellschaft glücklicherweise nicht unbedingt damit rechnen muss, dass der Mann mit der Hand in der Tasche plötzlich einen Revolver zieht, handelt es sich vorwiegend um ein ästhetisches, also vertrautes Problem. Schließlich sorgt jede heranwachsende Generation mit ihren jeweils eigenen Provokationen dafür, dass alle ihre Sehgewohnheiten ändern.

Bitte schicken Sie Ihre Fragen mit der Post oder mailen Sie an meinefrage@tagesspiegel.de

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben