Zeitung Heute : Mütter ohne Namen

Marion Mück-Raab

Inge schämt sich immer noch dafür. 42 Jahre ist die Geschichte nun her, und sie weint, als wäre es gestern gewesen. Sie hat ihr Kind weggegeben. Damals lebte sie in einem kleinen Dorf in Norddeutschland. 21 war sie, unverheiratet und schwanger. Das war eine Schande. Die Eltern jagten Inge aus dem Haus, der Vater des Kindes machte sich davon. Sie stand da ohne Wohnung, ohne Geld, ohne Ausbildung. Da half ihr die Dorfhebamme. Sie nahm das Mädchen in ihr Haus. Dort blieb Inge und arbeitete. Ihr Lohn: Kost und Logis sowie die kostenlose Entbindung.

An einem Nachmittag im Dezember kam Inges Tochter zur Welt. Zwei Stunden durfte die Mutter noch mit dem Baby alleine sein. Dann kam die Hebamme und nahm ihr das Kind weg. Es sollte zu guten Eltern kommen. Inge weinte wochenlang. Sie verließ das Dorf und suchte sich Arbeit in der Stadt. Dort heiratete sie, bekam wieder eine Tochter. Aber ihr erstes Baby konnte sie nicht vergessen. Niemand wusste davon, nicht einmal ihr Mann. Am schlimmsten war es jedes Jahr im Dezember, am Geburtstag des Babys.

Gitta, ihre Tochter, wusste lange nichts über die leibliche Mutter. Bis sie 20 war, dann machte sie sich auf die Suche. Gitta war "inkognito" adoptiert worden, wie es in der Fachsprache heißt. Das bedeutet, dass der Name ihrer Mutter in ihrer Abstammungsurkunde stand. Weil es ein Name war, der nicht oft vorkommt, genügte ein Blick ins Telefonbuch, und sie konnte die Mutter ausfindig machen. Für Inge und ihre Tochter Gitta gab es also ein glückliches Ende. Doch das, befürchten die beiden Frauen, wird es bei solchen Geschichten bald nicht mehr geben.

Denn nun soll das Personenstandsrecht geändert werden und gestatten, dass Frauen in Zukunft anonym entbinden. Die Personalien der Mutter stehen dann nicht mehr in der Geburtsurkunde, das Kind wird anonym zur Adoption freigegeben. Alle politischen Parteien sind sich im Wesentlichen einig: Mit der anonymen Geburt soll verhindert werden, dass Frauen ihre Neugeborenen aus Not und Verzweiflung töten. Das gleiche Motiv hat Krankenhäuser zur Einrichtung von Babyklappen bewogen.

Inge findet das merkwürdig. Ein uneheliches Kind, wundert sich die 63-Jährige, ist doch heute keine Schande mehr. Es gebe genügend Hilfen, Mutter-Kind-Heime, Stiftungen für Mütter, Erziehungsgeld. Inge hat die jungen Frauen immer so beneidet. Sie kann sich kaum vorstellen, dass Frauen heutzutage aus Not ihre Kinder töten.

153 Fälle von Kindestötungen zählte die Kriminalstatistik noch im Jahr 1954, seitdem sind die Zahlen rückläufig. In den letzten Jahren gab es, so schätzen Kriminologen, in Deutschland durchschnittlich 20 Fälle pro Jahr. Dass die durch das Angebot, anonym zu entbinden, verhindert werden könnten, bezweifelt Anke Rohde von der "Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Frauenheilkunde und Geburtshilfe". Frauen, die ihr Kind unmittelbar nach der Geburt töteten, argumentiert die Bonner Ärztin, handelten in einer Panikreaktion. In dieser Situation könnten sie eine Alternative wie die, anonym ins Krankenhaus zu gehen, gar nicht sehen. Auch die Zahlen aus Frankreich, wo Mütter seit Jahrzehnten die Möglichkeit haben, anonym zu bleiben, deuten nicht darauf hin, dass es einen Zusammenhang zwischen Kindestötungen und der Möglichkeit, anonym zu entbinden, tatsächlich gibt.

Mit sieben Jahren erfuhr Gitta, dass sie ein adoptiertes Kind war. Für sie brach eine Welt zusammen. Ihre Mutter sei ein Flittchen gewesen, sagten ihr die Adoptiveltern. Mehr nicht.

Die UN-Kinderrechtskonvention betrachtet es als Menschenrecht, von Geburt an seinen Namen zu kennen. Auch das Bundesverfassungsgericht hat das Recht auf Kenntnis der eigenen Abstammung als Bestandteil des allgemeinen Persönlichkeitsrechts anerkannt. Menschen jeder Chance zu berauben, etwas über ihre leiblichen Eltern zu erfahren, ist damit verfassungswidrig.

Deshalb haben die Abgeordneten im Bundestag nun folgendes Verfahren konstruiert: Die Mutter soll in einem verschlossenen Umschlag Informationen hinterlassen. Dieser Umschlag wird aufbewahrt und dem Kind, wenn es erwachsen ist, ausgehändigt. Christine Swientek, Erziehungswissenschaftlerin aus Hannover, kann darüber nur den Kopf schütteln:Wer garantiert denn, dass diese Umschläge in der Tat Namen enthalten? Frauen, die ihre Identität lüften wollen, könnten ihr Kind doch genauso gut "inkognito" zur Adoption freigeben, das sei diskret genug. Und immer noch keine Garantie für die Adoptierten, tatsächlich mehr über ihre Herkunft zu erfahren. Fälle wie der von Gitta, die nur ins Telefonbuch guckt und schon die Mutter findet, seien nämlich selten.

Wie schwierig die Suche nach den Eltern sein kann, auch wenn man die Namen kennt, erlebt gerade Sylvia, eine erwachsene Adoptierte, die in Sachsen lebt. Sie kennt die Namen ihrer Mutter und ihres Vaters. Und trotzdem findet sie die Eltern nicht. Sie hat viel versucht: Telefonbücher gewälzt, Standesämter abgeklappert, Daten bei der Rentenversicherungsanstalt angefragt, in Zeitungen inseriert, im Internet gesucht. Nichts.

Es ist ein Problem, mit dem Adoptionsvermittler schon lange konfrontiert sind: Mittlerweile erwachsene Kinder stehen verzweifelt vor ihrer Tür und fragen vergeblich nach den Eltern. Deshalb veränderte sich ab den 80er Jahren die Vermittlung. Es sollte Schluss sein mit der Geheimnistuerei. Halboffene Adoptionen wurden ausprobiert, bei denen beide Seiten Informationen über Dritte abfragen können. Vereinzelt wurde sogar offen adoptiert, Mutter und Kind blieben direkt in Kontakt. Christine Swientek empfindet das als Fortschritt: Das Grundrecht, seine Abstammung zu kennen, kam endlich zur Geltung. Die geheimnisvollen Umschläge, jedoch gaukelten dieses Recht nur vor.

Dazu kommt: Auch eine professionelle Beratung für Frauen, die anonym entbinden wollen, soll gesetzlich nicht sichergestellt werden. Außerdem soll die Entscheidungsfrist für die Frauen verkürzt werden. Bisher war es einer Mutter frühestens von der achten Woche an möglich, in eine Adoption einzuwilligen. Eine Schutzfrist, mit der verhindert werden sollte, dass Frauen überstürzt Entscheidungen treffen. Bei der anonymen Geburt hingegen läuft die Uhr anders: Melden sich Frauen nicht spätestens nach acht Wochen wieder, ist das Kind weg.

Christine Swienteks Kritik ist hart: Es gehe bei dieser Gesetzesänderung gar nicht um den Schutz und die Rechte von Müttern. Und schon gar nicht um die von Kindern. Sie formuliert es so: Es werden Babys gerettet für die Adoption. Denn da ist der Bedarf enorm. Weit über 10000 adoptionswillige Paare warten derzeit in Deutschland auf ein Kind.

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