Zeitung Heute : Multikulti gegen Hackfleischverordnung

LISA DIEDRICH

Das Berlin-Forum der sechsten europäischen Wohnbund-KonferenzLISA DIEDRICH"Dieses Land ist zu lahm, um die Dynamik der Migranten aufzunehmen", kommentierte Barbara John, Ausländerbeauftragte des Berliner Senats, das "Berlin-Forum".Zu ihm versammelten sich am Sonntag in der Werkstatt der Kulturen der Welt Forscher, Stadtplaner, Politiker, Sozialarbeiter und Initiativenvertreter.Die Veranstaltung beschloß die sechste europäische Wohnbund-Konferenz zum Thema "Migration - Stadt im Wandel", die letzte Woche in Berlin stattfand (wir berichteten).Lassen sich die ermutigenden Wohn-, Wirtschafts- und Ausbildungsprojekte aus London, Rotterdam und Mannheim auf Berlin übertragen? Einfach scheint das nicht.Einigen Berlinern dämmere wohl langsam erst der Ernst der Lage, meinte Laura Vanhué, Koorganisatorin der Konferenz.Auf das Referat des Forschers Michel Péraldi über die nordafrikanischen Unternehmer des informellen Sektors in Marseille habe glatt ein deutscher Teilnehmer gefragt, ob "die denn keine Genehmigung bräuchten".Tatsächlich erschwert manches Gesetz in Berlin die freie Entfaltung wirtschaftlicher Initiativen und somit die städtische Integration der Migranten. Viele lachten, als Barbara John die "Hackfleischverordnung" als Beispiel anführte.Ihr selbst war nicht zum Lachen: Sie kämpfe seit 13 Jahren vergeblich gegen die unselige Verordnung, daß ein türkischer Fleischer nur dann Hackfleisch verkaufen darf, wenn ein traditioneller Fleischermeister es geprüft hat - in der Regel also ein deutscher.Denn moslemische Türken als Meister auszubilden, ist schwierig, da sie den Kontakt mit Schweinefleisch vermeiden.Volkmar Strauch von der Industrie- und Handelskammer gab zu bedenken, daß die Handwerksordnung sogar noch enger werde, also den Zugang zu gesetzlich geschützten Berufstiteln und somit zur legalen Existenz in Zukunft eher erschwere.Das sei gesamtgesellschaftlicher Wille.Er plädierte dafür, den illegalen Sektor einzubeziehen: "Wir müssen die 10-Mark-Jobs legal machen, aber gleichzeitig Bedingungen schaffen, um von dem geringen Verdienst in dieser Stadt leben zu können." Leben können, das heißt wohnen können.Bahattin Kaya von der türkisch-deutschen Unternehmervereinigung Berlin-Brandenburg beklagte, daß immer noch viele türkische Familien zu zehnt in einer winzigen Wohnung leben müßten.Hans Jörg Duvigneau von der Gemeinnützigen Siedlungs- und Baugesellschaft hingegen beschränkte seine Sicht auf die zehn Prozent ausländischer Mieter in den Wohnungen der GSB - "da tut nichts weh".Der Hase liegt woanders begraben: Migranten wählen ihre Wohnung nicht frei, erläuterte Andreas Kapphan vom Institut für Stadtsoziologie der Humboldt-Universität.Sie können nur die schlechtesten Wohnungen bezahlen, die sich in bestimmten Vierteln konzentrieren, zum Beispiel in Neukölln.Dort landen ganz allgemein die Ärmsten der Gesellschaft, unwichtig, ob mit deutschem oder ausländischem Paß.Der Berliner Stadtsoziologe Hartmut Häußermann beobachtet gerade in West-Berlin einen "Sortierungsprozeß, der Räume schaffen könnte, die wir bisher nicht gekannt haben".Diese Gebiete stellen nach Ansicht Häußermanns das eigentliche Problem für die Stadtplanung dar: "Hier müssen stadtentwicklungspolitische Aktionen stattfinden." Welche? "Die klassischen Mittel der Stadtplanung haben ausgedient", sagte Theo Winters vom Stadtplanungsbüro S.T.E.R.N., das als IBA in den achtziger Jahren mit viel öffentlichem Geld den Bezirk Kreuzberg behutsam saniert hatte.Das Zauberwort des Forums hieß deshalb "Empowerment".Forscher wie Politiker meinten damit die Unterstützung lokaler Initiativen, vom Kiez-Büro über das interkulturelle Frauenzentrum bis zum Verein Süd-Ost-Europa, deren Engagement vom Dolmetschen über das Hausbauen bis zur Arbeitsvermittlung reicht.Kurz: Multikulti, wo die Stadt nicht mitkommt.

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