Zeitung Heute : "Multimedia-Herbst" in Frankfurt

KURT SAGATZ

Verlage und Buchhandel wollen kompetente Ansprechpartner für neue Medien seinVON KURT SAGATZ

"Frankfurt goes electronic" lautete 1993 der Schwerpunkt der Frankfurter Buchmesse.Seinerzeit präsentierten 200 Anbieter Software- und CD-ROM-Produkte - für damalige Verhältnisse eine gewaltige Zahl.Wenn an diesem Mittwoch die 48.Buchmesse ihre Pforten öffnet, werden 1500 der insgesamt 9100 Aussteller die Multimedia-Karte ziehen, um den Kunden in die faszinierende und schillernde Datenwelt zu entführen.Die große Zahl von Ausstellern von elektronischen Medienprodukten hat den Rahmen der Multimedia-Halle 4 längst gesprengt, in allen Bereichen der Messe werden neben den Bücherständen die Multimedia-PCs mit ihren CD-ROM-Laufwerken und Soundkarten das Bild der Messe mitbestimmen: Allein das Angebot an neuen CD-ROM-Titeln dürfte sich in diesem Jahr auf über 2000 Produkte verdoppeln. In kaum einem anderen Bereich verläuft die Entwicklung so dynamisch wie im Multimedia-Markt.Die einfachen elektronischen Lexika mit bunten Bildchen, daumennagel-großen Ruckel-Videos und trockenen Politikerreden von einst locken kaum noch einen Computernutzer vor den PC: Gefragt sind aufwendig gestaltete Angebote mit hohem Unterhaltungswert, einfach zu bedienen und voller kleiner Überraschungen.Wer eine CD-ROM für gutes Geld kauft, will mehr als eine digitale Kopie eines gedruckten Werkes. Einer der ganz großen Märkte im Multimedia-Angebot ist Edutainment, dieser Zwitter vor Education und Entertainment, also von Bildung und Unterhaltung.Vor allem auf die Kinder mit ihrer nahezu unbegrenzten Phantasie haben es die Verlage mit ihren Angeboten abgesehen, wohl wissend, daß viele Kaufentscheidungen gerade durch die heranwachsende Generation bestimmt werden.Wenn schon der Vater meint, ohne PC auskommen zu können, wird ihm seine Kinder schon den richtigen Weg weisen.Die Schulen werden diesen Trend zusätzlich beschleunigen, denn auch dort führt kein Weg am Computer und an pädagogisch aufbereiteter Lernsoftware vorbei. Die bunte Phantasiewelt der Silberscheiben ist durchaus dazu geeignet, bei den Kindern Wünsche zu erzeugen.Mit CD-ROMs wie "Max und das Schloßgespenst" (Tivola) oder "Das Buch von Lulu" (Ravensburger) sind erstmals Titel auf den Markt gekommen, in die sich Kinder verlieben können.Auch bei den Eltern bauen anspruchsvolle Programme wie diese letzte Ressentiments gegen das elektronische Medium ab, zumal auch sie beim gemeinsamen PC-Spiel mit den Kindern auf ihre Kosten kommen. Eine besondere Rolle bei der Auswahl der richtigen Programme kommt freilich der Mutter zu, genau wie dies auch jetzt schon im Bereich der Literatur der Fall ist.Da Mütter jedoch nicht zu den bevorzugten Besuchern von Computerläden gehören, versuchen die Multimedia-Anbieter ihre Produkte mit Nachdruck in die Regale des Buchhandels zu bringen.Doch genau hier liegt eines der Probleme.Die Computerecken in den Buchläden quellen über, das Angebot droht den Kunden, der kaum noch weiß, wo er zu suchen hat, zu erschlagen. Mit der zunehmenden Verbreitung des elektronischen Mediums dürfte sich der Handel freilich besser auf die gewandelten Verhältnisse einstellen.Um sich in diesem Markt zu etablieren, haben sich gerade jetzt verschiedene deutsche Verlage und Buchhändler zu der bislang größten gemeinsamen Marketing-Kampagne - dem "Multimedia-Herbst" - zusammengeschlossen.Ihr Ziel: Sich für den Kunden als kompetenter Partner in diesem erklärungsbedürftigen Marktsegment zu profilieren.Und dies haben Buchhandel und Verlage auch nötig: Die Wiener Gesellschaft Buchmarketing, die den "Multimedia-Herbst" organisiert, zitierte Marktuntersuchungen, wonach nur vier bis acht Prozent der Bevölkerung wissen, daß es die elektronischen Titel auch im Buchhandel gibt.Während der Aktion "Multimedia-Herbst" sollen ab Anfang Oktober in den Buchhandlungen Personalcomputer aufgestellt werden, mit denen die Kunden so in einer CD-ROM schmökern können wie sonst in Büchern.Dabei konzentriert sich der Handel auf ein Angebotsspektrum, das von einer Fachjury ausgewählt wurde.Außerdem sollen während der Aktion Veranstaltungen zu Computerthemen stattfinden. Aus dem Buchandel selbst ist die Elektronik übrigens kaum noch wegzudenken.Die Kataloge liegen entweder online im Internet oder offline als CD-ROM vor, der gesamte Bestellvorgang ist ohne Datenverarbeitung kaum mehr vorstellbar.Gleiches gilt für die Frankfurter Buchmesse mit ihrer Flut neuer Titel, die ebenfalls nur noch elektronisch zu überschauen ist.Den Weg durch den diesjährigen Titeldschungel soll die in Zusammenarbeit mit einem US-Softwarehaus entwickelte "Frankfurt-CD-ROM 1996" bahnen, die gerade noch rechtzeitig zum Messebeginn - im zweiten Anlauf - fertiggestellt wurde.Ganz im Sinne von "Frankfurt goes electronic" ist die Buchmesse auch im Inernet vertreten.Unter der Adresse http://www.frankfurt-book-fair.com sind erstmals zur diesjährigen Veranstaltung die wichtigen Daten online abzurufen, einschließlich der Messe-CD-ROM und des Kataloges.

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