Zeitung Heute : Multimedia sprengt die Grenzen des Computermonitors

KURT SAGATZ

In einer nicht allzufernen Zukunft werden Museumsräume möglicherweise so leer sein wie eine Wohnung vor dem Erstbezug und die Wände so weiß wie ein unbeschriebenes Blatt Papier.Zumindest solange, bis der erste Besucher den Raum mit einem Streichholzschachtel-großen Infrarotsender bestückt betritt.Dann nämlich wird der Raum nach den Vorstellungen von "twosuns"-Geschäftsführer Detlef Günther zu seinem musealen Leben erweckt.Je nach Position des Besuchers werden dann die Exponate auf die Projektionsflächen gebeamt, bei längerem Hinsehen wird die Hintergrundmusik von Geisterhand leiser gestellt und eine sanfte Stimme erklärt, welche Bewandtnis es mit dem Ausstellungsstück hat.Tritt der Betrachter noch näher beispielsweise an das Gemälde heran, tritt ein Zoom in Kraft, der interessante Ausschnitte näher heranholt oder weiterführende Informationen zu Leben und Werk des Künstlers zeigt.Kurz gesagt: Der Besucher bestimmt den Inhalt der Ausstellung, er gibt durch seine Handlungen vor, was ihn interessiert und worüber er mehr erfahren möchte.

Möglich wird diese von mehreren Computern gespeiste Zukunftsinstallation durch eine spezielle Software mit Namen "enclude", mit dem Ausstellungsmacher, Veranstalter von Multimedia-Events oder auch Firmen in ihren Showrooms beispielsweise für neue Automobile bestimmen, welche sinnlichen Erlebnisse der Besucher erfahren soll."Wir wollen Multimedia aus der Kiste holen", erläutert Mitgeschäftsführer Andreas Bohn die Absicht der noch jungen Berliner Firma.Während sich herkömmliche Multimedia-Animationen zumeist auf den engen Raum eines Computerbilds - ergänzt um die Soundausgabe über kleine Boxen - abspielen, gehen die "twosuns"-Macher in die Breite.Räume von bis zu 300 Quadratmetern interessieren Günther und Bohn heute mehr als die vergleichsweise bescheidenen 17 Zoll eines PC-Monitors, der ihnen bei ihrer früheren Tätigkeit als Produzenten von Multimedia-CD-ROMs und Videopräsentationen ausreichen mußte.Mit "enclude" wollen sie diesen Rahmen nun endgültig sprengen.Wer als Besucher ihre Multimedia-Räume betritt, wird nicht mit Technik konfrontiert, wenngleich auch bei diesem System Computer auch sichtbar beispielsweise als Informationsterminals eingebunden werden können.

Mit Ausnahme eines kleinen Vorführraums im zweiten Hinterhof der Friedrichshainer Firmenräumlichkeiten kann man sich derzeit nur eine vage Vorstellung von den Möglichkeiten der "twosuns"-Technik machen.Dies könnte sich alsbald ändern, denn es wird bereits über einige konkrete Projekte verhandelt.Im Gespräch ist unter anderem eine Installation für das High-Tech-Center Babelsberg, das zum Jahresende unter dem Namen "company b" neueröffnet wird.Auch das Göttinger Otto-Hahn-Institut und das Deutsche Historische Museum in Berlin haben bereits erstes Interesse an dem neuartigen System signalisiert.

Während die Technik für den Benutzer in den Hintergrund tritt, setzt der Betrieb des Gesamtsystems hinter den Leinwänden eine ganze Menge Hardware voraus.Eines der wichtigsten Elemente für die Interaktion der Besucher mit dem System ist die Sensorik.Jeder Besucher wird dazu mit einem kleinen Infrarotsender, der ein individuelles Digitalsignal aussendet, bestückt.Mehrere im Raum verteilte Kameras können nun diese Signale orten und in dreidimensionale Koordinaten umwandeln.Je nach Position, Verweildauer oder Bewegung werden nun rechnergesteuert die Mediadaten von einem entsprechenden Hochleistungsserver ausgelesen und per Glasfaserleitung an Videoprojektoren und Lautsprecher transportiert.Zudem bestimmt der Nutzer mit seinem Verhalten, welche anderen bühnentechnischen Elemente wie Lichtanlage, Rauchgeber oder ähnliches hinzukommen.Die Verteilung der Arbeit auf mehrere Rechner verwundert dabei nur auf den ersten Blick, denn die Integration aller Komponenten in einem System wäre nur auf erheblich teureren Anlagen möglich.Allein die Hardware würde dann schnell mit mehreren hunderttausend Mark zu Buche schlagen.So reichen mehrere handelsübliche Computer aus, was sich positiv auf die Gesamtkosten einer Installation auswirkt.

Für die Nutzer dieser Technik kommt es zudem auf eine möglichst einfache Konfiguration der Installationen an, schließlich macht sich die neue Technik erst bei wechselnden Ausstellungen und Präsentationsinhalten bezahlt.Auch dies geschieht über die "enclude"-Software, die ein Werkzeug zur Gestaltung der Installation enthält.Hier wird festgelegt, wie die Aktionen der Besucher in Bild und Ton, in Licht und Farbe umgesetzt werden.Trivial ist der Umgang mit "enclude" jedoch nicht: Bevor die eigenen Ideen umgesetzt werden können, muß der Systemadministrator sich erst einmal in die neuen Möglichkeiten mit ihrer eigenen Terminologie hineinversetzen.Hinzu kommt natürlich noch der Umgang mit der Software selbst, die modernste Bühnentechnik mit state-of-the-art-Computertechnik verbindet, so daß eine längere Schulung unvermeidlich ist.Zumindest beim Einstiegsprojekt werden daher die Leute von "twosuns" meist als Berater dabei sein.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben