Zeitung Heute : Multimedia-Woche war ein voller Erfolg

MAREN PETERS

Die Maus hat es irgendwie nicht verstanden: Gemeinsam mit 18 Kids war der kleine Nager am Freitagabend zur Mediennacht in die Kreuzberger Kinder- und Jugendbibliothek "Hallescher Komet" geschlüpft und hatte dort für helle Aufregung gesorgt.War der Titel der Multimediawoche - "Von Bits und Mäusen" - wirklich so mißverständlich? An den zahlreichen Aktionen - von Software-Präsentationen über Internet-Einführungen bis hin zur Produktion einer eigenen Musik-CD-ROM - haben sich 40 Berliner Kinder- und Jugendbibliotheken in 19 Bezirken beteiligt.Mit Erfolg: Laut einer Umfrage unter den Teilnehmern am Freitag wird die Woche durchweg positiv bewertet.70 Prozent der Bibliotheken verzeichneten überdurchschnittlich viele Besucher."Die Aktion soll im nächsten Jahr auf jeden Fall wiederholt werden", sagte Organisatorin Christine Kleist-Fiedler gegenüber dem Tagesspiegel.

"Computer - das ist so ähnlich, als wenn die früher das Rad erfunden haben", versucht die 12jährige Laura, die kurz nach Mitternacht in der Kreuzberger Wilhelm-Liebknecht Kinder- und Jugendbibliothek in einer Kindertraube vor dem PC sitzt, die Bedeutung des neuen Mediums zu beschreiben."Das wäre gut, wenn wir das so richtig in der Klasse lernen würden, aber unsere Schule hat echt wenig Geld", sagt die Zwölfjährige.Dabei hat es Laura vergleichsweise gut: Bei ihr daheim stehen sogar zwei Computer.Bei vielen ihrer Mitschüler im Kiez ist das anders: ihnen bleibt, da Schule und Elternhaus ausfallen, allein die Bibliothek.Doch auch in der Adalbertstraße gibt es nur einen Computer - 16 000 Schulkinder nutzen ihn pro Jahr.

Für die Multimedia-Woche hat sich die Bibliothek immerhin fünf Computer zusammengeliehen.Jetzt sitzen die 30 Kinder im Alter von 11 bis 13 Jahren, die sich am frühen Abend mit Schlafsack und Isomatte in der Bibliothek eingefunden haben, aufgeregt vor den Geräten."Die Plätze waren unheimlich begehrt", sagt Bibliothekarin Christiane Bornett."Zum Schluß mußten wir losen".In kleinen Gruppen sind die Kinder, zwei Drittel davon türkischer Herkunft, gemeinsam auf die Suche nach dem Gespenst gegangen, das sich in ein Computerspiel verirrt hatte - wie in fünf weiteren Bibliotheken auch, die sich an der Mediennacht beteiligt haben.Zwischendurch gab es Schinkenbrötchen.

"Das Konzept war, alle Medien zu benutzen - PC und Buch", erklärt Bibliothekarin Boggart, die sich gemeinsam mit drei Kolleginnen die Nachtschicht teilt.So hat eine Gruppe erst am Computer "Das Geheimnis der Burg" erkundet, und ist dann durch die Bücherregale gezogen, um den Plan der Burg-Wachtürme zu suchen."Uns war es wichtig zu zeigen, daß CD-ROMs und Computer zur Alltagskultur gehören wie das Lesen", erläutert die Leiterin des "Halleschen Komenten", Gertrud Jahnke.Doch nicht nur bei Schülern, Lehren und Eltern stoße das oft noch auf Widerstand, sondern auch bei vielen Bibliothekaren selbst."Lehrer haben oft Angst, daß der Computer sie überflüssig macht, Bibliothekare scheuen sich, den Kulturgedanken mit Computern statt mit Lesen auszufüllen", sagt Gertrud Jahnke.Eine breite Öffentlichkeit vom Gegenteil zu überzeugen, war ein Anliegen der Multimediawoche.Gezeigt werden sollte aber auch, wie wichtig Bibliotheken als Multiplikatoren sind.Keine Institution biete schließlich so viele Medien gleichzeitig an wie eine Bibliothek, und das bei meist freiem Zugang, sagt ihre Kollegin Christiane Bornett aus Kreuzberg.Der konzertierte Appell in Form der Multimediawoche kommt nicht von ungefähr, befürchten doch viele Stadtteil-Bibliotheken angesichts der Sparzwänge ihrer Bezirksverwaltungen das baldige Aus.

Besser als ihnen geht es dem "Halleschen Komet": Als Teil der repräsentativen Amerika-Gedenk-Bibliothek gehört er in den Zuständigkeitsbereich der Senatsverwaltung und wird relativ großzügig mit Geldern bedacht.59 000 DM standen allein in diesem Jahr für Kinder-und Jugend CD-ROMS zur Verfügung, 1200 sind bereits im Bestand, die an 12 Multimedia-PCs eingesehen werden können.Davon kann die Kreuzberger Wilhelm-Liebknecht-Bibliothek nur träumen: Seit einem Jahr nennt sie rund 200 CD-ROMs ihr eigen, gerade fünf waren am Freitag im Hause, der Rest ausgeliehen.

Nach der Euphorie der Multimedia-Woche wird in viele Bibliotheken wieder Alltags-Ernüchterung einziehen.Bis auf wenige Ausnahmen müssen sie ihre Computer und Software wieder bei den Sponsoren abliefern.Bis alle rund 200 Berliner Bibliotheken mit einem Computer ausgestattet sind, wird es wohl noch "ein paar Jahre dauern", sagt die Organisatorin der Multimedia-Woche, Kleist-Fiedler.Derzeit verfügen noch nicht einmal die Hälfte der Einrichtungen über ein eigenes Gerät.

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