Zeitung Heute : Multimedial auch jenseits von Pixelpark

HENRY STEINHAU

Für die Berliner Industrie- und Handelskammer (IHK) ist die Multimedia-Branche "aus Gründen der statistischen Zuordnung in seinem Umfang bisher nicht scharf abgrenzbar".Seriöse Quellen, wie etwa der Deutsche Multimedia-Verband dmmv oder das Fachblatt "multiMEDIA", beziffern die Zahl der Multimedia-Unternehmen in ganz Deutschland auf etwa 1500 bis 2000 und listen für Berlin etwa 150 bis 200 Firmennamen auf.Der kumulierte Umsatz dieser Berliner Firmen dürfte 1997 - von bundesdeutschen Durchschnittsverhältnissen abgeleitet und subjektiv geschätzt - etwa 75 bis 150 Millionen Mark, die Zahl der fest und regelmäßig frei Beschäftigten rund 750 bis 1200 betragen haben.Wer aber steckt hinter den Zahlen? "Die (Berliner) Multimedia-Branche ist schwer zu fassen", sagt selbst ein Insider wie Michael Thierschmann.Der Gründer und Geschäftsführer der Adlershofer Firma LuraTech, seit Ende 1994 mit Multimedia-Produktion im Geschäft, sieht ein sehr unübersichtliches Spektrum an Firmen.Am einen Ende viele halbprovisorische Kleinstfirmen, die mehr schlecht als recht an Internetauftritten herumbasteln.Auf der anderen Seite große Häuser wie beispielsweise die Daimler-Benz-Tochter debis, die Siemens-Tochter Sietec oder eben die Bertelsmann-Tochter Pixelpark, welche sich, so Thierschmann, vom eigentlichen Multimedia-Entwicklungs-Geschäft entfernen und mehr ins Großkunden- und Systemgeschäft gehen würden.Auch klassische Softwarefirmen strebten, etwa durch die Intranet-Technologie, zunehmend ins Multimedia-Geschäft, ähnlich wie Grafikdesign- und DTP-Büros über die Schiene Screendesign."Zur Multimedia-Branche gehört", so der dmmv, "wer als Geschäftszweck die Entwicklung, die Produktion und/oder die Distribution interaktiver, computergestützter und mehrere Medien integrierender Anwendungen erklärt".

Im Kern sind das also Produktionsfirmen wie erwähnte LuraTech.Das mittlerweile 18 Mitarbeiter beschäftigende Unternehmen erzielt seinen Umsatz - 1997 immerhin knapp eine Million Mark - zu rund 50 Prozent mit der Entwicklung von multimedialen (Messe-)Informations- und Verkaufsförderungs-Terminals, CD-ROMs und Internet-Präsentationen und zu jeweils 25 Prozent mit der Auftragsprogrammierung sowie mit der Erstellung von Software-Werkzeugen für den Multimedia-Einsatz.Mit diesem still und heimlich erarbeiteten Erfolg steht LuraTech in der Tradition Berliner Software-Schmieden, die mit ingenieurtechnischen Multimedia-Innovationen schon vor zehn Jahren ins internationale Geschäft einsteigen konnten.Firmen wie mental images, spezialisiert auf leistungsfähige 3D-Rendering-Technologien, oder die auf angewandte Multimedia-Forschung ausgerichtete Art+Com legten Ende der Achtziger Jahre den Grundstein dafür, daß Berlin bei vielen Entwicklungszentren im kalifornischen Silicon Valley einen guten Klang hat.Zu nennen sind hier auch die vom Art+Com-Mitbegründer Professor Edouard Bannwart geführte und im Bereich Virtual Reality-Anwendungen (VR) international renommierte Firma echtzeit, die Babelsberger 3D-Schmiede Terratools sowie die eigentlich in der Schweiz beheimatete Artemedia.Die im weitesten Sinne zu dieser Sparte zu zählende Cybermind AG hat hingegen den internationalen Markt des Virtual Reality-(VR-)Entertainments im Griff.Das eher unscheinbar zu einem millionenschweren Börsenstar des Berliner Freiverkehrhandels gewachsene Firmenkonsortium - durch die Tochter Cybernet AG auch als Internet-Full-Service-Provider aktiv - baut, verkauft und verleiht Spielhallen-taugliche VR-Geräte und betreibt weltweit mehrere VR-Cafés, in Berlin das "Website".

Die Cybermind AG ist ein Big Player der Berliner Multimedia-Branche, auch wenn sie weitaus seltener in den Medien vorkommen als etwa Pixelpark, unbezweifelt die Wiege der Multimedia-Entwicklung Berlins, ja, sogar Deutschlands.Mit Gespür für langfristige Strategien, wirkungsvolles Marketing und gute Leute hat es Pixelpark-Chef Paulus Neef verstanden, aus einer Hinterhof-Firma eine 13 Millionen Mark-Umsatz schwere Agentur zu formen.Zwar hat erst der sukzessive Verkauf von 85 Prozent des Unternehmens an Bertelsmann das rasante Wachstum ermöglicht, doch ohne die gleichbleibend hohe Produktions- und Innovationsqualität des Teams und ohne die visionäre Überzeugungskraft von Paulus Neef - seit drei Jahren auch Präsident des dmmv - hätte Pixelpark gewiß nicht diese Lichtgestalt werden können.

Zu den Mitgründern von Pixelpark gehörte 1991 auch der Designer Eku Wand, der heute seine eigene Agentur screendesign betreibt und durch eine Reihe von Lehraufträgen im Bereich Multimedia-Design so manchen Nachwuchs schulte.Auch die Designer Andreas Kraft und Claudius Lazzaroni gingen durch die Pixelpark-Schule beziehungsweise prägten dieselbe.Während Kraft das Büro Fünf.Sechs ins Leben rief, gründete Lazzeroni 1997 die Firma Imstall.Beide etablierten sich schnell als gute Adressen für anspruchsvolles, experimentierfreudiges Mediendesign.Fünf.Sechs, Screendesign und Imstall sind als kleine, aber feine Büros wiederum sehr typisch für die kreative Multimedia-Szene Berlins.

Eine andere Kategorie stellen Multimedia-Firmen mit einer Mitarbeitergröße von fünf bis 30 Leuten und bis zu drei bis fünf Millionen Mark Umsatz dar.Die Agentur K/PLEX profilierte sich durch eine starke Verankerung im Bereich Architektur und Baubranche.Die ebenfalls in Mitte lokalisierte Agentur Motus wiederum hat ihre Stärken in integrierten Kampagnen, inklusive pfiffiger Ideen, wie eine virtuelle Schnitzeljagd durch das Internet.In enger Kooperation mit der auf Website-Erstellung spezialisierte Firma peito mischt Motus mittlerweile munter im Werbeagenturen-Geschäft mit, nur eben mit Fokus auf Multimedia-Etats.Stellvertretend für die große Gruppe von "lupenreinen Multimedia-Produzenten" seien noch Firmen wie Kognito, Mediacube, TeamKonzept und Double You genannt.

Neben derartig agierenden Dienstleistern stellen reine Multimedia-Publisher eine vergleichsweise kleine Gruppe dar.Bekanntester Verterter im CD-ROM-Bereich ist gewiß der auf Kindertitel spezialisierte Tivola-Verlag.Tivola gilt heute als einer der besten Multimedia-Publisher Deutschlands und hat auch international einen guten Ruf.In mehr als zehn Ländern sind bereits die liebevoll und auf hohem Niveau produzierten, interaktiven Sach-Spielgeschichten für kleine und große Kinder erhältlich.Zunehmend finden sich in Berlin auch multimediale Online-Dienste, wie das Baunetz oder die auf medizinische Informationen für Ärzte und Endverbraucher zielenden Dienste "multimedica" beziehungsweise "Lifeline".In diese Gruppe fällt auch die in einer Kreuzberger Fabriketage angesiedelte Agentur Fritsch und Friends.Ihr Großprojekt Music City, kurz MCY, ist eine Symbiose aus Internet-Schallplattenladen, interaktivem Musikmagazin und Online-Ladestation für Musik.Bewußt auf den globalen Markt ausgerichtet, nimmt hier womöglich eine weitere Erfolgsstory für außergewöhnlich innovative Multimedia-Konzepte ihren Anfang in Berlin.

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