Zeitung Heute : Multimediales Zeugenarchiv soll "oral history" fortschreiben

Michel Friedman über die Möglichkeiten des InternetsMichel Friedman engagiert sich seit Jahren für das jüdische Leben in Deutschland.Der 42jährige Anwalt ist unter anderem Medienbeauftragter des Zentralrats der Juden in Deutschland, Mitglied des ZDF-Fernsehrats sowie Mitglied im Bundesfachausschuß Medien der CDU.Neben zahlreichen Veröffentlichungen publizierte er auch das Buch "Zukunft ohne Vergessen".Mit dem Medienrechtsexperten sprach unsere Mitarbeiterin Christina Denz. TAGESSPIEGEL: Herr Friedman, glauben Sie, daß das Internet als multimediales Zeitzeugenarchiv eine Fortschreibung der "oral history" des Holocaust leisten kann? FRIEDMAN: Ja, unbedingt.Denn das direkte Bild und unmittelbar gesprochene Wort sind die wahrhaftigsten und glaubwürdigsten Dokumente, die überhaupt verarbeitet werden können.Mit Sicherheit werden wir in den nächsten Jahren eine Vielzahl von multimedialer Informationsvermittlung im Internet umsetzen.Besonders die optische Aufbereitung von Inhalten wie die Interviews mit Zeitzeugen auf Video wirken auch international.Den Interessierten ermöglicht das Internet dann auch einen direkten Zugang zu authentischem Zeugenmaterial. TAGESSPIEGEL: Wie multimedial kann Ihrer Meinung nach Auschwitz dargestellt werden? FRIEDMAN: Alle Elemente, die im Internet stecken, sind in Einzelteilen ja schon zur Vermittlung des Holocaust angewendet worden, der Text in Buchform, das Bild im Fernsehen, der Ton im Radio.Was früher auf dem TV-Bildschirm für Dokumentationen zusammengebracht wurde, ist heute über PC abrufbar.Nur setzt das Internet ein aktives Handeln voraus.Ich sehe da keine Beschränkung. TAGESSPIEGEL: Wie stehen Sie zur Frage der Zensur? Sollten rechtsradikale Seiten unzugänglich gemacht werden? FRIEDMAN: Ich verfolge mit großer Besorgnis die Aktivitäten der "Rechten" im Netz.Die Chancen des Internet sind eben auch seine Gefahren.Extremisten bewegen sich in einem weithin rechtsfreien Raum, weil nationale Grenzen das grenzenlose Internetprinzip beschneiden.Aber letztlich geht es für mich in dieser Frage nicht eigentlich um Zensur, sondern um die Menschenrechte nach Paragraph 1 des Grundgesetzes.Das Medium ist sekundär, es geht um den Inhalt.Und dagegen sollte man politisch, rechtlich und ethisch vorgehen. TAGESSPIEGEL: Planen Sie selbst ein Internetangebot für den Zentralrat? FRIEDMAN: Solche Überlegungen werden zur Zeit bei uns diskutiert, sie sind aber noch nicht konkret.Das wird sich mit dem Umzug des Zentralrats und des jüdischen Presseverlages nach Berlin ändern.Dann wollen wir auch Informationen über das jüdischen Leben heute anbieten wie zum Beispiel eine Erklärung zu den wichtigsten jüdischen Feiertagen.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar